Auktion 298 | 14.11.2020 11:00 Uhr | Kunst des 19. Jahrhunderts

Carl Spitzweg | Der Geologe

Carl Spitzweg: Der Geologe
Carl Spitzweg: Der Geologe
Carl Spitzweg: Der Geologe

Los 84 – Highlight

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Carl Spitzweg

1808 – München – 1885

Der Geologe

Öl auf Karton. (Um 1850). 34,5 x 29 cm. Signiert unten rechts sowie verso und mit dem „S“ im Rhombus. Mit der Stempelsignatur recto unten mittig.

Details

Wichmann 758.

Literatur: Günther Roennefahrt, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle, München 1960, Kat.-Nr. 1421;
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Der Geologe. Dokumentation, Starnberg-München 1984, R.f.v.u.a.K. (Dr. Nagel, Stuttgart), S. 14;
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Kunst, Kosten und Konflikte. Frankfurt/Berlin 1991, S. 140-159.
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Verzeichnis der Werke. Gemälde und Aquarelle, Stuttgart 2002, S. 343, Kat.-Nr. 758 (mit Abb.).

Ausstellung: Landesmuseum Wiesbaden, April-Juni 1936, Nr. 681.

Provenienz: Hugo Helbing, München, Auktion, 20.6.1906, Los 260 (mit dem Titel „Der Botaniker“);
Privatbesitz, Südeutschland (seit drei Generationen im Besitz der Familie).

Beschreibung

Das 19. Jahrhundert Ist das Jahrhundert der Wissenschaften. Forscher erkundeten ihre Umwelt, brachen zu Expeditionen in ferne Länder auf, erforschten die Berg- und Meereswelt – kurzum: Es ist das Jahrhundert, in dem die Erde endgültig unter den prüfenden Blick der Wissenschaft geriet, Expeditionen ausgewertet und kartiert wurden, sodass am Ende des Jahrhunderts eine Vorstellung vom Inneren der Erde Gestalt annahm, die die Grundlage für unser modernes Verständnis der Umwelt bildet. In dieses Jahrhundert der Wissenschaft ist auch der Maler Carl Spitzweg voll eingetaucht; seine Gemälde bevölkern Naturforscher, Sternengucker und Bücherwürmer, Insekten- und Pflanzenfreunde, und nicht zuletzt auch Geologen oder Steinsammler, die ihre Expeditionen in abgelegene, noch unerforschte Regionen der näheren Umgebung führten. Auf unserem Gemälde kniet der Geologe vor einer Felswand, deren eine Hälfte tief verschattet ist; in der erhobenen Linken hält er prüfend einen Fund, der nun in der umgehängten Tasche verschwinden wird. Seine dunkelbraune Kleidung kontrastiert mit dem lichten Ganzen der Szenerie, einzig das weißblaue Halsband leuchtet heraus. Er ist in sein Tun so vertieft, dass er nicht merkt, dass er beobachtet wird: Erdgeister und Dämonen bilden sich aus Felsformationen links und rechts im Vordergrund und werfen scharfe Schatten, die die Szenerie in ein lebhaftes Spiel aus Licht und Dunkel tauchen. Verhöhnen sie den Forscher, der angesichts seines Fundes als „weltfremder Theoretiker erscheint, dessen Vorstellungen von der Naturwirklichkeit ad absurdum geführt werden“ (Jens Christian Jensen)? Spitzwegs Skepsis gegenüber bornierten Wissenschaftlern findet hier bildliche Gestalt, der selbst allerdings ein Kenner des Bergbaus und an Geologie durchaus interessiert war. Auf zahlreichen Wanderungen hat er immer wieder Höhlen und Bergwerke besucht, und die dargestellte Schlucht, die auch sonst mit ihrem oben hereinbrechenden Licht zu den festen Bildkomponenten seiner Malerei gehört, scheint auf einen solchen Besuch zurückzugehen. Die geologische Formation der steilen Schlucht hat man als Eingang zu einem Schacht des Hohen Peißenbergs bzw. im Peißenberger Glanzkohlenrevier identifiziert. Dies ist nicht unwahrscheinlich, denn Spitzweg hielt sich wiederholt in Peißenberg auf; ein Aufenthalt 1833 hatte sogar die Konsequenz, dass er während einer Kur seine Apotheker-Laufbahn abbrach, um sich fortan ganz der Malerei zu widmen. Zum Glück muss man aus heutiger Sicht sagen, denn uns wäre ein famoser Landschaftsmaler und glänzender Kolorist verloren gegangen. Unser für Spitzwegs Verhältnisse großformatiges Gemälde dürfte das früheste sein in einer ganzen Folge von Gemälden mit forschenden Geologen, deren bekanntestes sich im Von der Heydt-Museum in Wuppertal befindet. Im Gegensatz zu diesem, das ganz wesentlich durch seine Inszenierung des Lichts getragen wird, überzeugt unser Gemälde durch eine Unmittelbarkeit und Spontaneität der Malerei, die skizzenhafte Züge trägt. Sie dürften genauso wie die erdige Farbigkeit auf jene Erfahrungen zurückgehen, die Spitzweg bei einem Aufenthalt zusammen mit Eduard Schleich 1851 in Paris gesammelt hatte, wo sie die Werke der „Schule von Barbizon“ kennengelernt hatten. Mit einem Gutachten von Adolf Alt (23.7.1937) (verso) und von Hermann Uhde-Bernays (20.2.35) (in Kopie).

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