Auktion 294 | 05.12.2019 18:00 Uhr | Ausgewählte Werke | TEIL I (Moderne & Zeitgenössische Kunst)

Günter Brus | „Das Unerhörte“

Günter Brus: „Das Unerhörte“
Günter Brus: „Das Unerhörte“
Günter Brus: „Das Unerhörte“

Los 622

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Günter Brus

1938 Ardning/Steiermark

„Das Unerhörte“

Farbige Kreide und Goldfarbe auf Packpapier, auf Unterlagekarton montiert. 1980. Ca. 126 x 82 cm. Signiert und datiert unten rechts, betitelt unten mittig.

Details

Provenienz: Christies, London 20.5.1993, Los 622;
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen.

Beschreibung

Komplett in Weiß gekleidet, weiß bemalt und mit einem schwarzen, vertikalen Strich durch die Körpermitte spazierte Günter Brus 1965 durch die Straßen, bis er von der Polizei in Arrest genommen wurde. Der Film dieses „Wiener Spaziergangs“ stand am Beginn der großen Brus–Retrospektive im Belvedere 21, anlässlich des 80. Geburtstags des österreichischen Aktionisten. Der Fokus der Ausstellung lag darin, seine frühen radikalen Aktionen bis 1970 und das zeichnerisch-literarische Werk, das in den darauf folgenden vier Jahrzehnten geschaffen wurde, ins Verhältnis zu setzen. Für Günter Brus selbst waren die beiden Werkkomplexe nie getrennt, die Radikalität und Unbedingtheit der frühen Aktionen sind künstlerische Haltung, unabhängig in welchem Medium der Künstler sich ausdrückt. Die außerordentlich großformatige Zeichnung „Das Unerhörte“ zeigt am unteren Bildrand das Brustbild eines Mannes – möglicherweise Brus selbst –, eingehüllt in eine mit goldenen Sternen verzierte Decke, flankiert von Fabelwesen. Der Greif steht in der griechischen Antike als der größte Vogel für Kraft und Wachsamkeit. Er ist das Reittier Apollos und wacht über Eingänge von Tempeln. Sowohl in alten Mythen des Orients als auch in der christlichen Symbolik ist der Greif präsent. Er ist Himmel und Erde zugehörig und ist Zeichen der Auferstehung und des Lebens. Hier scheint es, als würden die Greife versuchen, dem Künstler mit aller Kraft etwas einzuflößen, möglicherweise magisches Wissen, das unerhört bleibt. Abgeschirmt durch eine goldene Kugel, die sein Haupt umgibt, bleibt sein Gesicht ausdrucksleer, die Gesichtszüge scheinen schon fast verschwunden zu sein. Vielleicht steht Brus nach der „Zerreißprobe“, so der Titel einer Reihe von radikalen Performances, bei der er seinen eigenen Körper an die Grenzen des Erträglichen führt, am Ende seiner Ausdrucksmöglichkeiten und erfährt den kreativen Tod. An diesem Punkt angekommen, erfindet sich der Künstler in seinem Schaffen neu und vollzieht einen Akt der Wiederauferstehung. – Winziges Löchlein oben rechts, zwei Stellen verso hinterlegt, recto nicht sichtbar. In sehr gutem Zustand.

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