Auktion 296 || 25.06.2019

Heinrich Campendonk
Wirtshaus

Zwei Männer sitzen an einem Tisch in einem Biergarten. Ganz in ihr Kartenspiel vertieft, missachten sie den Betrachter: Ihre Aufmerksamkeit gilt nur den Karten auf dem Tisch. Der Mann links hält seinen Bierhumpen mit Deckel in der Hand, der andere, mit spitzem Bart und Hut, scheint gerade die schwarze Spielkarte abgelegt zu haben. Die rot-weiß karierte Tischdecke wird mit wenigen Quadraten in einer Ecke des Tisches angedeutet. Auf den ersten Blick scheinen wir also einer alltäglichen Wirtshausszene beizuwohnen. Doch ist dies eine Arbeit von Campendonk von 1917, und so wohnt dieser Szene etwas Surreales bei: Es ist Nacht, die Mondsichel schwebt über den Dächern, seltsame Pflanzen, die teils wie Farne wirken, breiten sich über der Bildfläche aus, in der rechten unteren Ecke steht unerklärlich ein Eimer mit einem Fisch. In Campendonks Werken gibt es eine große Zahl immer wiederkehrender Motive, die wie Wegweiser durch seine Bildwelt funktionieren: Kuh, Katze, Petroleumlampe, aber auch Fisch und Eimer sind wiederkehrende Bildelemente, die in Kombination mit Menschen vorkommen. Dabei werden die Tiere zu Attributen, die den dargestellten Menschen zugestellt werden, deren Bedeutungen uns aber verschlossen bleiben. Charakteristisch für seine Werke aus der Zeit des Ersten Weltkrieges ist auch ein magisches Leuchten der Bildfläche. Die expressiven Farben der Maler des Blauen Reiters, die noch wenig vorher sein Werk beeinflussen, werden jetzt durch eine subtilere Farbgebung ersetzt. Der Künstler arbeitet verstärkt mit Hell-Dunkel-Kontrasten, so wie hier in den Gebäuden mit ihren schwarzen Fenstern und weißen Wänden, die er durch stark aufleuchtende Farben belebt, so das Rot der Jacke und der Dächer oder das Gelb des Eimers, des Tisches und einer unbestimmbaren Form links, die sich als farbliche Diagonale durch den Bildaufbau zieht. In diesem Jahr beginnt der Künstler vermehrt, seine Arbeiten zu monogrammieren, sie damit als eigenständige, fertige Werke zu markieren. Auch die vorliegende Arbeit ist monogrammiert und zeigt so die Zufriedenheit des Künstlers mit seiner Arbeit. Im gleichen Jahr entsteht ein Ölgemälde mit dem selben Titel, heute im Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld (Firmenich 682). Unser Werk stammt aus dem Nachlass Gustav Ferdinand Jung (1878–1943), einem Hagener Kaufmann und Fabrikanten mit ausgeprägter musischer Neigung. 1904 heiratet Jung Hildegard Walther, die Schwester des Bildhauers Hans Walther. Durch ihn erhält Jung Kontakte zur Kunstwelt in Berlin. Um 1911 lernt er dort Kirchner kennen und erwirbt spontan seine ersten Bilder. Bis 1924 kauft Jung zahlreiche Werke der Klassischen Moderne, darunter Kirchner, Heckel, Feininger und eben Campendonk, von dem er – brieflich belegt – mindestens fünf Werke erwirbt. – Auf Grund der Kaschierung leichte Quetschfalten am unteren Rand. Kleine Randmängel mit zwei kurzen Risschen am oberen Rand. Vereinzelte Bereibungen mit wenigen winzigen Farbverlusten. Sehr wenige winzige Braunfleckchen rechts. Allgemein in sehr schönem Originalzustand.

Heinrich Campendonk
Wirtshaus

Aquarell und Gouache auf Papier, auf Karton aufgezogen. (19)17. Ca. 47 x 40,5 cm. Monogrammiert und datiert unten rechts.

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