Max Liebermann

Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) – Studie

Details

Eberle 1932/1.

Ausstellung:
Galerie Ludorff, Düsseldorf Herbst 1990, Lagerkatalog 58, mit farb. Abb. S. 67;
Liebermann, La Malmaison, Cannes 1996, mit farb. Abb. S. 32;
Liebermann, Cranach-Galerie, Lutherstadt Wittenberg 1996, mit farb. Abb. S. 32;
Graphisches Kabinett Kunsthandel Werner KG, Berlin 1997;
Max Liebermann in Wannsee, Galerie Mutter Fourage, Berlin 1997, mit farb. Abb.;
Max Liebermann. Stationen eines Malerlebens, OpeIvillen, Rüsselsheim 1999, mit farb. Abb. S. 55;
Max Liebermann, Orangerie des Georgiums, Dessau 2000, mit farb. Abb. S. 30;
Licht, Phantasie und Charakter – Max Liebermann, Schloss Wernigerode 2001, mit Abb. S. 41;
Im Streit um die Moderne – Max Liebermann, der Kaiser, die Nationalgalerie, Liebermann-Haus am Pariser Platz, Berlin 2001/02, mit farb. Abb. S. 89;
Max Liebermann 1847-1935: „Ich bin doch nur ein Maler“, Jüdisches Museum, Rendsburg 2002/03, mit farb. Abb. S. 35;
Max Liebermann: Poesie des einfachen Lebens, Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall/ Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2003/04, mit farb. Abb. S. 147, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett;
The Era of Passion, Jeonbuk Museum of Art, Jeonbuk/Südkorea, 2014/15, mit farb. Abb. S. 91.

Provenienz:
Atelier Max Liebermann, Berlin;
Nachlass des Künstlers, Martha Liebermann (1857-1943), Berlin, ab 1935, mit dem Nachlass-Stempel (Lugt 4763);
wohl im Auftrag von Martha Liebermann um 1938 eingelagert im Verlag Bruno Cassirer, Berlin, dort vermutlich beschlagnahmt von den Nationalsozialisten und anschließend verauktioniert;
Verbleib bis 1990 unbekannt;
Galerie Ludorff, Düsseldorf (1990, 1992);
Privatbesitz, Berlin (1992-1993);
Kunstkreis Berlin GbR, bei Vorgenanntem im Oktober 1993 erworben.
Der derzeitige Besitzer des Gemäldes hat entschieden, sich mit dem Nachlass Liebermann zu einigen und so dem Geist des Washingtoner Abkommens zu entsprechen. Das Werk ist nun, nach der vertraglichen Einigung, von etwaigen Restitutionsansprüchen befreit.

Beschreibung

• Eines der letzten Bildnisse des großen Porträtisten Max Liebermann
• Ausdrucksstarke, eigenständige Studie zu dem Porträt in der Hamburger Kunsthalle
• Ferdinand Sauerbruch ist einer der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts

Im Jahr 1932 malt der bereits hochbetagte Max Liebermann seine letzten große Porträts. Im Frühjahr entsteht das ‚Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch‘, das sich heute in der Hamburger Kunsthalle befindet. In Vorbereitung dazu fertigt Liebermann zwei Ölstudien an. Die hier angebotene ist vermutlich die erste der beiden: der weiße Arztkittel wirft noch nicht die charakteristische kantige Falte über seiner rechten Schulter und die Stuhllehne endet in einem steilen, geschnitzten Knauf.

Als Ferdinand Sauerbruch 1928 von München nach Berlin zieht, erwirbt er durch die Vermittlung der Kunstsammlerin und Mäzenin Margarete Oppenheim ein Haus in ihrer Nachbarschaft in Berlin-Wannsee. Den Maler Max Liebermann, ebenfalls ein Nachbar am Wannsee, lernt er wenig später bei einer Abendgesellschaft im Hause Oppenheim kennen. Sauerbruch wird ein enger Freund des Malers und seiner Familie, sein Sohn wird Liebermanns Schüler. Vater und Sohn Sauerbruch gehören zudem zu den wenigen Unerschrockenen, die Liebermann bei seiner Beerdigung 1935 öffentlich das letzte Geleit erweisen.
„In seinen Erinnerungen berichtet der Chirurg, Liebermann habe sich einen gefährlichen Leistenbruch zugezogen. Daraufhin habe er ihn sofort in die Charité bringen lassen. Bei dieser Gelegenheit habe ihn Liebermann gezeichnet. Auf dessen eigenen Wunsch habe er den fast 85-jährigen Patienten an den Beinen aufgehängt – der Bruch habe sich auf diese Weise selbst korrigiert. Nach wenigen Tage sei der Künstler wieder wohlauf gewesen und habe, zurück in Wannsee, an einem Porträt des Chirurgen zu arbeiten begonnen: ‚Einige Tage später erklärte er mir, ich müsse ihm jetzt sitzen. Das tat ich auch, aber dann nahm es mir zuviel Zeit weg, und ich murrte. Er jedoch meinte: ‚Et jeht ja mal nich anders. Wenn Sie‘n Fehler machen, dann deckt ihn anderntags der jriene Rasen. Aber’n Fehler von mir sieht man über hundert Jahre an der Wand häng’n.‘ So malte er mich in Öl (…). Zuerst fertigte er eine große Ölskizze, dann begann er noch einmal. Das fertige Bild nannte er ‚Der Chirurg‘ und stellte es aus. (…) Die Skizze vollendete er und schenkte sie mir.‘“ (Matthias Eberle, Max Liebermann, München 1996, Bd. 2, S. 1232). Davon abweichend geht Erich Hancke, Liebermanns Nachlassverwalter, in einem Bericht von 1946 davon aus, dass das Porträt ohne Sitzung, sondern vornehmlich nach Porträtfotos von Rudolf Großmann gemalt worden sei.

Das Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch wird auf der ersten Ausstellung im Mai 1932 begeistert von der Kritik aufgenommen und als eine der großen Leistungen des Künstlers gefeiert. „Max Liebermann malt den großen Chirurgen völlig unbefangen. (…) Der geistvolle Kopf blickt uns aus den hellen Augen, durch die Brillengläser forschend an, die Lichter der Stirn des sanft nach rechts geneigten Kopfes sind plastisch herausgespachtelt, ebenso wie die Lichter der verschränkten, feinbenervten Hände. Der Hintergrund ist sehr hell und sprüht von zarten Flecken in Gelb, Grün und Rot. Es ist wirklich ein Wunder, mit welcher inneren Vehemenz hier der Fünfundachtzigjährige sein ‚Modell‘ gestaltet.“ (Adolph Donath, Liebermann Bildnisse. Die Ausstellung im Künstlerhaus, in: Berliner Tageblatt, 10.5.1932, S. 3).

Ferdinand Sauerbruch (1875 Barmen – Berlin 1951) gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Chirurgen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Arzt, Professor und Klinikdirektor ist er zunächst in Breslau, Zürich und München tätig, 1928 wird er an die Berliner Charité berufen und ist dort bis zu seiner Emeritierung 1949 Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik. Vor allem für seine Forschung auf dem Gebiet der Brustraumchirurgie in Unterdruckkammern (Thoraxchirurgie) ist Sauerbruch weltberühmt. Seine Lazarett-Tätigkeit als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg veranlasst ihn zur Erfindung des „Sauerbruch-Arms“, einer speziellen bewegbaren Armprothese für Kriegsversehrte.
Sauerbruchs fachliche Reputation und medizinischen Innovationen sind unbestritten, er behandelte und operierte jeden ohne Unterschied und Wertung. Doch ist seine Person in der Zeit des Nationalsozialismus eher ambivalent.

Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité veranstaltete 2019 die umfassende Ausstellung „Auf Messers Schneide. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos“.