Kurt Schwitters

Ohne Titel (Express)

Details

Orchard/Schulz 3599.

Ausstellung:
Kurt Schwitters. 1887-1948, Minami Gallery, Tokio 1960, Kat.-Nr. 55;
Kurt Schwitters, Ulmer Museum, Ulm 1961, Liste Nr. 25 (ohne Katalog);
The George Economou Collection, Municipal Gallery of Athens, Athen 2011, farb. Kat.-Abb. S. 225.

Provenienz:
Nachlass des Künstlers;
Ernst Schwitters, Lysaker/Norwegen, 1948-1972;
Galerie Beyeler, Basel, 1972;
Privatsammlung, Schweiz;
Villa Grisebach, Berlin 1.12.2007, Los 234;
Privatsammlung, Europa.

Beschreibung

Verso auf dem Unterlagekarton handschriftlich bezeichnet „Prelim. Oeuvre-Nr.: 1947, 1486 U“ und mit weiteren Angaben sowie grünem Klebeetikett mit der handschriftlichen Nummer „528“.

Upcycling, also die Wiederverwertung von Abfall zu neuwertigen Produkten, gilt als aktueller Trend in unserer Gesellschaft. Dabei betrieb Schwitters schon vor über hundert Jahren upcycling: Abfallprodukte, Reklame und Zeitungsausschnitte klebte er seit 1919 zu neuen Kunstwerken zusammen. Diese Collagen nannte er Merzbilder; sie standen für Wiederaufbau und Neuanfang nach dem Trauma des Ersten Weltkrieges. Dabei kam es ihm weniger auf die Wahl der recycelten Stoffe an: „Wesentlich ist das Formen. Weil das Material unwesentlich ist, nehme ich jedes beliebige Material, wenn es das Bild verlangt.“

In dieser Merzzeichnung, einer seiner letzten, geht es neben der Form auch um ein Spiel mit Worten: ‚Express – exprès‘ steht hier sicherlich für eilig, also die rasche Zustellung einer Nachricht. Gleichzeitig bedeutet ‚express‘ aber auch absichtlich, extra, aus Trotz. Schwitters spielte schon früh mit Sprache; seine dadaistischen Gedichte bilden einen wichtigen Teil seines Werks. Einzelne Worte oder Wortfetzen auf den Collagen eröffnen dem Betrachter eine Welt von Assoziationen. Die vorliegende Collage entstand 1947. Im Februar und März dieses Jahres erlebte der Künstler einen körperlichen Zusammenbruch aufgrund einer Blutstauung, verbunden mit einer viertägigen Erblindung. Die Konfrontation mit der eigenen Verletzbarkeit und Vergänglichkeit könnte für Schwitters die Dringlichkeit seiner künstlerischen Aussage – eine Express-Vermittlung – verstärkt haben. Gleichzeitig konnte er auch der Blindheit und dem Tod trotzen. Zu dieser Zeit lebte Schwitters in England. So könnte er ebenfalls an die englische Bedeutung des Wortes, im Sinne von sich oder etwas ausdrücken. gedacht haben. Diese Vielschichtigkeit der Bedeutung eines einzelnen Wortes spiegelt sich in den vielen Lagen der übereinander geklebten Papp- und Papierstreifen wider. So verbindet sich in diesem Spätwerk Schwitters literarische und künstlerische Aussage noch einmal zu einer Ikone der dadaistischen Kunst.