Auktion 303: Moderne & Zeitgenössische Kunst | 14. Juli 2021
Max Ernst

Oiseaux spectraux

Details

Spies/Metken 1855.

Literatur:
Max Ernst Landschaften, hrsg. von Katharina Schmidt, Kunstmuseum Bonn, Bonn 1985.
Zuch, Rainer, Max Ernst, der König der Vögel und die mythischen Tiere des Surrealismus, 2004.
Spies, Metken, Max Ernst Oeuvre Katalog, Werke 1906-1925, Köln 1979

Ausstellung:
Max Ernst, Mayor Gallery, London 1933, Kat.-Nr. 28, mit farb. Abb.;
Max Ernst, Drawings, Collages 1918-1952, Institute of Contemporary Arts Gallery, London 1952, Kat.-Nr. 20, mit farb. Abb.;
Max Ernst, Tate Gallery, Arts Council of Great Britain, London 1961, Kat.-Nr. 57, mit farb. Abb., verso auf der Rahmenrückwand mit dem Etikett;
Petits Formats, Galerie Beyeler, Basel 1978, Kat.-Nr. 48, mit farb. Abb.;
Max Ernst. Landschaften, Galerie Beyeler, Basel 1985, Kat.-Nr. 23, mit farb. Abb., verso mit der Rahmenrückwand mit dem Etikett;
Max Ernst, Städtisches Kunstmuseum, Bonn 1985/86, Kat.-Nr. 29, mit farb. Abb., verso auf der Rahmenrückwand mit dem Etikett;
Max Ernst, Helly Nahmad Gallery, London und New York 2006/07, Kat.-Nr. 25, mit farb. Abb.;
Le Chant de la Grenouille, the Surrealists in Conversation, Helly Nahmad Gallery, New York 2014;
Moon Dancers: Yup’ik Masks and the Surrealists, Di Donna Galleries, New York 2018, S. 147 u. S. 118, mit farb. Abb.

Provenienz:
The Redfern Gallery, London, verso auf der Rahmenrückwand mit zwei Etiketten;
Rex Nan Kivell, London;
Galerie Ernst Beyeler, Basel;
Privatsammlung, Europa.

Beschreibung

„Die Vögel sind unstete, metamorphe Geschöpfe. Sie können menschliche Züge annehmen oder sich im pflanzlichen Wachstum einnisten. Oft geht quellendes Gestaltgerinnsel in Pflanzliches, Menschliches oder Vogelhaftes über – die Grenzen sind fließend, die Gestaltungsentscheidung bleibt dem Betrachter überlassen. Nach ihrem prämorphen Ursprung befragt, verweisen diese Verwandlungsprozesse auf eine Reihe von Bildern, welche ein von Carus auf Friedrich geprägtes Wort treffend charakterisiert: sie sind „Erdlebenbilder“. (Werner Hofmann)

Max Ernst gilt als einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, dessen Werke in den berühmtesten Museen der Welt eine Heimat gefunden haben und die Ergebnisse im Millionenbereich auf den nationalen und internationalen Auktionen erzielen. Verheiratet war er unter anderem mit Peggy Guggenheim und Dorothea Tanning. Sein umfassendes Künstler-Oeuvre führt den Betrachter in die mythologische Welt des Surrealismus ein. Mythologie und Surrealismus sind gleichsam zwei Seiten der gleichen Medaille, da sich der Surrealismus von Anfang an mit der Mythologie auseinandergesetzt hat. Antike Mythologien, Mythen fremder Völker, europäische Sagen sowie Legenden finden sich rezipiert und in surrealistische Idiome übertragen. Dem Surrealismus innewohnend ist darüber hinaus die Einbeziehung von Tiergestalten, die sich in dem Werk von Max Ernst in Gestalt von Vögeln niedergeschlagen haben. Dies spiegelt sich meisterhaft in dem vorliegenden Werk Oiseaux spectraux, das im Jahr 1932 entstanden ist und sich dem für Max Ernst so wichtigen Thema der Vögel annimmt. Das Bild ist auf die drei sich betrachtenden und ineinander verschlungenen Vögel konzentriert, die in der Farbe weiß gehalten sind und sich auf einem blauen Untergrund befinden. Die Farbwahl der Vögel steht für Neutralität, Friedlichkeit, Reinheit, Erleuchtung und Unschuld. In diesen Zuschreibungen spiegelt sich das innige Verhältnis von Max Ernst zu den Vögeln, das er zeitlebens gehabt hat. Dies wird durch die Komposition des Hintergrundes untermauert. In dem blau wird sowohl die Freiheit der Vögel im Himmel gesehen als auch eine Ambivalenz aus Distanz und Harmonie, Loyalität und Spiritualität. So schafft es der Künstler durch die Reduktion seiner Farbpalette die Bedeutung der Vögel für ihn auf den Punkt zu bringen und den Betrachter zum Erkunden einzuladen.
Die Vögel üben auf Max Ernst seit frühester Kindheit eine Faszination und Anziehung aus, die sich in seiner autobiographischen Schrift „Wahrheitsgewerbe und Lügengewerbe“ wiederfindet. Max Ernst schreibt hier – über sich in der dritten Person – von einem Jugenderlebnis aus dem Jahr 1906:
„Erster Kontakt mit okkulten, magischen und zauberhaften Kräften. Einer seiner besten Freunde, ein sehr intelligenter und anhänglicher rosa Kakadu starb in der Nacht des 5. Januar. Es war ein furchtbarer Schreck für Max, als er am Morgen den toten Vogel fand, und als im selben Augenblick sein Vater ihm die Geburt seiner Schwester Loni ankündigte. Die Bestürzung des Jungen war so gross, dass er ohnmächtig wurde. In seiner Phantasie verknüpfte er beide Ereignisse und machte das Baby für das Erlöschen des Vogellebens verantwortlich. Eine Serie von seelischen Krisen und Depressionen folgte. Eine gefährliche Vermischung von Vögeln und menschlichen Wesen setzte sich in seinem Gemüt fest und fand später Ausdruck in seinen Zeichnungen und Gemälden.“

Seit dieser Zeit tritt der Vogel in den verschiedensten Gestalten im Werk von Max Ernst auf. Er nennt ihn „Vogeloberer Hornebom“, meist „Loplop“, im Spätwerk auch „Schnabelmax“. „Loplop“ wird erstmals 1928 in dem Bild „Loplop, le supérieur des oiseaux“ greifbar, wo Ernst ihn wie ein Wappentier präsentiert. Die beiden Namen für die Vögel spielen bereits in der Kindheit von Max Ernst eine Rolle. „Hornebom“ ist dabei der Name seines Lieblingskakadus, dessen Seele von seiner Schwester gestohlen wurde und auf den der obige Tagebucheintrag rekurriert. Die Bezeichnung „Loplop“ hingegen geht auf ein Erlebnis von Max Ernst mit seinem eigenen Sohn zurück. Dieser ritt als kleines Kind öfter auf einem Schaukelpferd und der Vater musste ihm dabei wiederholt „Gallopp – gallopp“ vorsingen. Max Ernst erklärte selber zu der Namensfindung „Loplop“: „Immer, wenn ich gefragt wurde, habe ich alle möglichen Geschichten erzählt – aber nie, dass es dein Schaukelpferd wäre. Ich glaube, es hat mir zu viel Spaß gemacht, zu sehen, was sie sich selbst an Legenden ausdenken konnten. Ja, Loplop, das ist dein Schaukelpferd.“

Auch in den kommenden Jahren geht Max Ernst immer wieder auf die prägende Gestalt der Vögel für sein Leben und auf „Loplop“ im speziellen ein: So schreibt er im Jahr 1930 über „Loplop“: „Loplop ist ein eigentümliches, an die Person Max Ernsts gebundenes Schemen, manchmal geflügelt, immer männlich.“ Vier Jahre später notiert er weiterhin: „Nachdem ich mit Methode und Gewalt meinen Roman „Die hundertköpfige Frau“ geschaffen habe, werde ich fast täglich vom Obersten Vogel Loplop – meinem Privat-Phantom – heimgesucht. Er schenkt mir ein Herz in einem Käfig, das Meer in einem Käfig, zwei Blütenblätter, drei Blätter, eine Blume und ein junges Mädchen. Ferner den Mann der schwarzen Eier und den Mann mit
dem roten Umhang […]“

Auf der persönlichen Ebene schrieben Zeitgenossen Max Ernst sowohl die Physiognomie eines Raubvogels zu, einen scharfen Blick verbunden mit der Charakterisierung als wacher Denker mit beißendem Witz der seine Umwelt stets beobachtete. Ebenso wird berichtet, dass er sich auf Kostümfesten der befreundeten Künstlerin Leonor Fini und auf selbst organisierten Festen gern als Vogel kostümierte.