18. Juni 2020

Interview mit Sheila Scott | „Es ist sehr wichtig, Künstlerinnen durch Käufe sichtbarer zu machen“

PDF | Interview mit Sheila Scott

Sheila Scott, Geschäftsführerin, Leiterin Moderne Kunst und öffentlich bestellte und vereidigte Auktionatorin bei KARL & FABER wird am 16. Juli beim Münchner Kunstauktionshaus moderne und zeitgenössische Kunst zum Aufruf bringen – darunter auch einige Werke von Künstlerinnen. Wie schätzt sie die Lage von Frauen in der Kunst ein?

Frage: Katharina Grosse, Gabriele Münter, Emilie Charmy, Hilla Becher – „Frauen in der Kunst“ ist in den Sommerauktionen von KARL & FABER am 16. Juli ein großes Thema. Sei es in ihrer Rolle als Muse und Porträtierte, als Teil eines Künstlerduos oder als erfolgreiche Künstlerin der Gegenwart. Warum ist das immer noch als etwas Besonderes erwähnenswert?
Sheila Scott: Der Lockdown und seine Auswirkungen haben uns wieder gezeigt, dass die alten Rollenmuster nach wie vor vorhanden sind. Und wenn das nur im Hintergrund schwelt oder zeitweise gilt. Obwohl es inzwischen große Einzelausstellungen zu Künstlerinnen gibt – etwa die aktuelle im Münchner Lenbachhaus zu der indischen Künstlerin Sheela Gowda oder Katharina Grosses Installation im und um den Hamburger Bahnhof Berlin ­– so ist das doch eher die Ausnahme als die Regel.
In unserer Sommerauktion sind zwar diesmal erfreulich viele Künstlerinnen vertreten, aber im Vergleich zu den Künstlern ist ihr Anteil nach wie vor sehr gering. Allerdings versteigern wir ja nur Werke im Zweitverkauf, nachdem sie zuerst bei einer Galerie oder beim Künstler erworben wurden. Daher zeigt sich eine eventuelle Entwicklung zu Künstlerinnen erst „zeitverzögert“. Das heißt: Es tut sich was, aber es gibt auch noch viel zu tun.

Frage: Sie werden bei KARL & FABER am 16. Juli als Auktionatorin selbst den Hammer schwingen –was lieben Sie an Ihrem Job?
Sheila Scott: Ich glaube als Auktionatorin muss man gerne im Rampenlicht stehen. Ich wollte schon als Kind Schauspielerin werden und freue mich, dass ich jetzt in dieser Rolle auf der Bühne stehen kann. Ich liebe die Atmosphäre der Auktion, die Spannung, das Drama. Ich bin bei der Auktion völlig konzentriert, fokussiert auf die Bieter. Leute in die Auktion mit einzubinden, den richtigen Rhythmus zu finden, die Spannung zu halten, das sind meine Aufgaben.

 

Frage: War es schwierig, sich als Frau in diesem Bereich durchzusetzen?
Sheila Scott: Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich als Frau in meinem Beruf Vor- oder Nachteile habe. Ich habe meine Karriere im Auktionshaus vor vielen Jahren bei Sotheby’s in London angefangen. Dort hatte ich starke weibliche Vorbilder wie Melanie Clore, damals Auktionatorin für das Impressionist & Modern Department, oder Helena Newman, heute Chairman von Sotheby’s Europe und Auktionatorin.
In der bald hundertjährigen Geschichte von KARL & FABER bin ich die erste Auktionatorin. Das ist für
mich eine Ehre, aber auch eine normale Entwicklung der Zeit.

Frage: Welche Künstlerin wird Ihrer Meinung nach bei der Sommerauktion von KARL & FABER am besten abschneiden?
Sheila Scott:
Als Leiterin der Abteilung Moderne Kunst hoffe ich natürlich, dass das Porträt von Emilie Charmy das ihr gebührende Interesse wecken wird. 1989 haben die Plakatkünstlerinnen Gorilla Girls ein provokatives Poster veröffentlich mit der Frage, ob Frauen nackt sein müssen, um im Museum ausgestellt zu werden. Das Porträt von Emilie Charmy zeigt, dass Künstlerinnen schon am Anfang des vorigen Jahrhunderts durchaus als wichtige Persönlichkeiten wahrgenommen wurden – zumindest von ihren Künstlerkollegen. Allerdings kam die angezogene Charmy leider erst 1999 ins Museum – in einer zweiten Version ins Münchner Lenbachhaus.

 Frage: Zum Kunstbetrieb gehört auch der Sammler. Wie hoch ist der Anteil von Bieterinnen bei Auktionen?
Sheila Scott:
Sammlerinnen sind leider immer noch untervertreten. Kunst wird weiterhin zu etwa 80 Prozent von Männern gesammelt, denn sie sind – gerade in der älteren Generation – immer noch die Hauptverdiener, Frauen haben dabei eher ein Vetorecht. Bei der zeitgenössischen Kunst ist die Rate besser. Dabei glaube ich, dass es sehr wichtig ist, Künstlerinnen durch Käufe zu unterstützen und sichtbarer zu machen.

Frage: Wieso werden die Künstlerinnen durch Käufe sichtbarer?
Sheila Scott:
Nach meiner bald dreißigjährigen Erfahrung auf dem Auktionsmarkt kaufen Deutsche eher    deutsche Kunst, Franzosen eher französische et cetera – selbstverständlich mit Ausnahmen. Dementsprechend kaufen Männer eher Kunst von Männern. Wenn Frauen stärker am Kunstmarkt beteiligt wären, würde mehr Kunst von Künstlerinnen gekauft werden. Das wiederum würde unsere ästhetische Sichtweise ändern und den Markt für Künstlerinnen leichter zugänglich machen.

Bildmaterial:
Foto: Sheila Scott, Geschäftsführerin und Leiterin Moderne Kunst bei KARL & FABER Kunstauktionen in München; © Myrzik & Jarisch, München

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