Details

Provenienz:
Europäische Privatsammlung.

Beschreibung

Der Frankfurter Historiker Heinrich Sebastian Hüsgen pries Ende des 18. Jahrhunderts Johann Heinrich Roos als „Rafael aller Viehmaler“ – er zeigte sich begeistert von der Schönheit und Lieblichkeit seiner Tierbilder, von der Leuchtkraft seiner Farben und der Klarheit seiner Zeichnung. Auch wenn in diesem überschwänglichen Urteil eine gute Portion Lokalstolz mitschwingt – der im Pfälzischen gebürtige Roos hatte sich nach einer Ausbildung in Amsterdam 1667 in Frankfurt niedergelassen und war dort bis zu seinem Tod 1685 tätig –, so gilt Roos auch heute noch als der bedeutendste deutsche Tiermaler in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Roos war vor allem als Maler von Hirtenidyllen, sogenannten „Pastoralen“ bekannt, mit denen er zu Lebzeiten auch kommerziell große Erfolge feierte. Hüsgen bemerkte, dass in ihnen „alles zu leben scheint und die Seele jeder Creatur in ihren Bildungen ausgedrückt ist. Kein Mahler hat alles dieses stärker vorgestellt, besser ordiniert und schöneres zahmes Vieh, in den verschiedenen und seltensten Stellungen gezeichnet“ als Roos. Unser großformatiges Gemälde vermag Hüsgens Urteil zu bestätigen, denn auf ihm tummeln sich in einer südlich anmutenden Ruinenlandschaft Ziegen und Schafe in vielfältigen Ansichten, sie haben sich der Ruinen bemächtigt – manche ruhen, andere blicken den Betrachter an, zwei Ziegen wiederum vergnügen sich links am Blattwerk eines Strauchs, während dahinter in einer Senke der Rest der Herde mit zwei Hirtinnen sichtbar wird. Geschickt nutzt Roos an- und abfallende Kompositionslinien, auf denen die Tiere angeordnet sind, Licht und Schatten wechseln, sodass manche verschattet, andere wiederum herausgeleuchtet werden. Es ist ein klassisches, ruhiges Arrangement, das zusammen mit der Landschaft, die den Ausblick auf eine südliche Stadt bildet, die Tradition eines alten Arkadiens wachruft, in dem Mensch und Natur in Harmonie miteinander verbunden sind. Es ist eine kontemplative Szene, die nur die drei Hirtenknaben am Brunnen stören – sie sind offenbar eifrig damit beschäftigt, ein Schriftstück zu entziffern.
Mit solchen Hirtenidyllen traf Roos offensichtlich den Nerv der Zeit, denn die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden war in ganz Europa nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges groß. Mit seinen Gemälden schuf Roos die Illusion einer „heilen“ Welt, in der arkadische Zustände herrschen, geprägt von einem einfachen, unkomplizierten und erfüllenden Leben auf dem Land. So verwundert es nicht, dass Grimmelshausen in seinem „Simplicissimus“ das Hirtenamt als das Schönste auf der ganzen Welt würdigte.
Roos lässt das alte Arkadien der Antike wieder aufleben – auf seinen bukolischen Hirtenidyllen sind die Hirten frei und ungebunden, sind mit Tier und Natur vereint, und dies vor der Kulisse einer südlichen Landschaft, in der die Ruinen die Größe vergangener Zeiten bezeugen. Obwohl Roos nie selbst in Italien war, wird er damit zu einem entscheidenden Vermittler südlicher Landschaften in Deutschland. Die nachhaltige Anregung für die Beschäftigung mit diesem Genre erhielt Roos während seiner Ausbildung in Amsterdam bei Karel Dujardin, der Mitte der 1620er Jahre etwa zehn Jahre in Rom gelebt hatte und dort zu den „Bamboccianti“ gehörte – einer Gruppe von niederländischen Malern, die durch die naturalistische Wiedergabe römischer Straßen- und Volksszenen hervortraten. Neben solchen Gemälden schuf Dujardin ähnlich wie Nicolas Berchem auch nach seiner Rückkehr nach Holland vor allem bukolische Hirtenstücke, an die sein Schüler Roos anknüpfte.
Dr. Peter Prange