Edvard Munch

Frau im Mondschein. Die Stimme

Details

Woll 129 a (von b).

Beschreibung

Der Holzschnitt „Frau im Mondschein. Die Stimme“ von 1898 zeigt die künstlerische Quintessenz eines von Munch über mehrere Jahre hinweg immer wieder aufgegriffenen und leicht variierten Motives. Er bearbeitet es sowohl in diversen Zeichnungen und zwei Ölgemälden als auch in vier Druckgraphiken verschiedener Techniken. Eine junge Frau steht en face als Dreiviertel- oder Halbporträt dem Betrachter gegenüber, hinterfangen wird sie von den schmalen, dunklen Stämmen eines lichten Kiefernwaldes, hinter dem ein ruhiger vollmondbeschienener Küstenabschnitt aufleuchtet. Die beiden Gemäldeversionen gleichen Titels von 1893 und 1895 (heute im Museum of Fine Arts, Boston bzw. im Munch-Museum, Oslo) zeigen im Querformat die Frau als Dreiviertelfigur, die Landschaft weit ausgebreitet und mit kleinen Fischerbooten auf dem Wasser. Ebenso detailliert ausgearbeitet ist die zeitlich zwischen den Gemälden entstandene erste Druckgraphik zu diesem Motiv von 1894 (Radierung, Woll 12). Der Farbholzschnitt von 1896 zeigt dagegen schon deutliche Schematisierungen, die wohl auch technikbedingt sein mögen (Woll 92). Erst für die beiden späten Graphiken von 1897 und 1898 („Abend. Die Stimme“, Lithographie, Woll 106 und „Frau im Mondschein. Die Stimme“, dem hier vorliegenden) ändert Munch dann den Bildausschnitt in ein schmales Hochformat. Die Frau ist nur noch Halbfigur und die Landschaft im Hintergrund wird so begrenzt gezeigt, dass sie kaum noch als solche zu erkennen ist. Gerade der deutlich abstrahierte Holzschnitt zeigt sich aufgrund seiner starken Konturen besonders.
Zu dem Motiv „Frau im Mondschein. Die Stimme“ gibt es zahlreiche kunsthistorische Interpretationen, die sich in erster Linie auf die beiden detailliert ausgearbeiteten Gemälde beziehen. Zum einen wird es als Darstellung des sexuellen Erwachens des jungen Mädchens gedeutet, das der eigenen Stimme der erwachenden Gefühle lauscht. Ein damals sehr populäres Thema, das auch Frank Wedekind in dem 1891 erschienenen Drama „Frühlings Erwachen“ verarbeitet. Die Szenerie der hellen Mondnacht verortet die Thematik demnach in eine Mittsommernacht, in der ausgelassene Feierlichkeiten nicht selten mit erotischen Eskapaden einhergehen. Auch der charakteristische Mondschein mit der Spiegelung im Wasser findet sich auf zahlreichen Werken Munchs. Er wird u.a. interpretiert als Phallussymbol in Verbindung mit vertikalen (männlichen) und horizontalen (weiblichen) Bildlinien. Denkbar wäre, dass Munch hier wie so oft ein eigenes, derartiges Erlebnis verarbeitet. Zum anderen mag die Szene eine rein symbolistische Naturschilderung sein, in der das junge Mädchen der Stimme der Natur in der mythologisch aufgeladenen norwegischen Waldlandschaft lauscht. Ebenso kann der Vollmond als ein typisches Natursymbol der hellen Mittsommernächte an der norwegischen Küste gesehen werden. Auch Munch war mystischen Ideen gegenüber durchaus aufgeschlossen. – Schwach lichtrandig, leichte Fleckchen und Atelierspuren, leicht knittrig und griffknickig, Kanten unregelmäßig, links mit Papierfalz, dieser teils im Motiv verlaufend, Ecken und Papierfalz verso mit textilem Klebeband hinterlegt, sonst gut. Sehr seltenes Blatt.