Charles Le Brun (Umkreis)

Der Kampf gegen Hannibals Armee

Beschreibung

Expert’s choice

Der Kampf gegen Hannibals Armee – ein neu entdecktes Gemälde aus dem Grand Siècle unter Ludwig XIV.

Auf den ersten Blick ist nicht ganz ersichtlich, was in dieser vielfigurigen Kampfszene genau vor sich geht. Eine Gruppe von Reitern auf gefleckten Pantherfellen greift drei Elefanten an, die ihrerseits nun auch aufeinander losgehen. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es sich um eine Szene aus dem Zweiten Punischen Krieg (218–202 v. Chr.) zwischen Römern und Karthagern handelt, über den unter anderem der römische Geschichtsschreiber Titus Livius und der Grieche Polybios berichten. Wahrscheinlich ist die Schlacht von Asculum, auch Schlacht von Canusium genannt, im Jahr 209 v. Chr. an ihrem dritten Entscheidungstag dargestellt. Hannibal hatte den Römern bei Cannae und dem Trasimenischen See empfindliche Niederlagen zugefügt und stand nun mit seinem Heer bei der Stadt Asculum in Apulien. Der Maler vorliegenden Bildes zeigt die Schlacht aus dem Blickwinkel der Römer. Links ist der General Marcus Claudius Marcellus zu sehen, der das Kommando innehatte. Hoch zu Ross in goldglänzender Rüstung und mit blauer Schärpe überblickt er mit seinen Offizieren den Kriegsschauplatz in der Ebene unter ihm: Dort sprengt die zur Verstärkung der Truppen neu hinzugekommene Kavallerie zum Angriff vorwärts; in vorderster Front ganz rechts die kämpfenden Fußsoldaten. Von der gegnerischen Armee sind im Wesentlichen nur die Kriegselefanten zu erkennen, die die Karthager in die Schlacht schickten, um Panik in den römischen Reihen zu stiften. Der Künstler wählte den für den Ausgang der Schlacht entscheidenden Moment: Bogenschützen und Fußsoldaten mit brennenden Strohbüscheln und Fackeln in der Hand haben die Elefanten so erschreckt, dass der Vorderste schon in Panik aus seiner Formation ausbricht und sich gegen seine eigenen Truppen richtet. Die Taktik der Römer ging auf. Sie konnten schlussendlich diese Schlacht für sich entscheiden.  
 
Aus stilistischen Gründen kommt ein Künstler aus dem Umkreis von Charles Le Brun als Autor des Bildes in Frage, auch ist die helle, pastellfarbene Palette typisch für die Nachfolger des Premier Peintre von Ludwig XIV. und des Oberhaupts der Académie Royale de Peinture et Sculpture in Paris. François-Alexandre Verdier (c. 1651-1730), Schüler und Assistent von Le Brun, wurde als möglicher Autor des Bildes vorgeschlagen. 1668 hatte er in der Zeichnung den 1. Platz beim Prix de Rome belegt und dafür den mehrjährigen Studienaufenthalt an der Académie de France in Rom gewonnen, den er im gleichen Jahr antrat. Hier könnte er das 1630 von Nicolas Poussin gemalte und von dessen Patron Cassiano Dal Pozzo erworbene Bild „Hannibals  Überquerung der Alpen“ gesehen haben, das eine Episode aus der gleichen Geschichte behandelt (Christie’s, London, Auktion am 2.7.2013). Es zeigt Hannibal auf einem mächtigen Kriegselefanten sitzend, den Poussin nach dem Leben hatte zeichnen können. Sein Modell war Don Diego gewesen, ein von den Portugiesen als Geschenk an den spanischen König nach Lissabon geschickter indischer Elefant, der später europaweit herumgereicht und 1630 in Rom als exotische Attraktion gezeigt worden war. Die ein wenig naive, nicht wirklich naturgetreue Darstellung unserer Elefanten legt nahe, dass dem Künstler kein lebendes Tier als Modell zur Verfügung stand, sondern er nach älteren Vorlagen arbeitete.

In der Kunstrezeption des 17. Jahrhunderts sah man die Historienmalerei als die höchste Gattung an. Sie diente in symbolhafter Weise der Glorifizierung der Herrschenden. Weit zurückliegende Ereignisse wurden dargestellt, um sie mit zeitgenössischen gleichbedeutend erscheinen zu lassen. Von 1665 bis 1671 schuf Charles Le Brun für Ludwig XIV. den Alexander-Zyklus, eine Serie von drei Schlachtenbildern und einem Triumphzug (heute im Louvre, Paris). Darin wird der französische Sonnenkönig durch die Darstellungen der militärischen Eroberungen des mazedonischen Helden, dem Begründer des griechischen Reichs, gleichgestellt. Die vier Bilder waren im Salon von 1673 ausgestellt, wo sie für ihre lebendige Komposition viel Lob erhielten. Gut möglich, dass zeitgenössische Betrachter den römischen Oberbefehlshaber auf unserem Bild auch mit dem absolutistischen König assoziierten.
Heike Birkenmaier

Für wertvolle Hinweise zur Katalogisierung danke ich Dr. Gode Krämer, Augsburg und Gui Rochat, New York.