Details

Provenienz:
Privatbesitz, Norddeutschland.

Beschreibung

Expert’s Choice

Das Wagnis einer künstlerischen Laufbahn.

In seinem Gutachten bewertet Alberto Cottino das Gemälde aufgrund seiner malerischen Qualität als ein Hauptwerk Michele Desubleos. Es ist aber auch in sofern sehr spannend, als dass es eine Selbstreflexion des Künstlers über die Möglichkeiten beinhaltet, die ein künstlerischer Werdegang bereit hält. Diese Fragestellung hat nichts von ihrer Aktualität verloren und ist nach wie vor nicht leicht zu beantworten.
Zu sehen ist ein all’antica nur halb mit einem zinnoberroten Manteltuch bekleideter junger Mann, der in der rechten Hand einen Stifthalter mit weißer Kreide, in der linken eine halb aufgerollte Rötelzeichnung hält. Er blickt sinnierend in Richtung einer Leinwand, die ihm eine schöne Frau in leuchtend blau und gelbem Gewand präsentiert. Aufgrund der Perle und Muschel in ihrem Diadem interpretiert sie Cottino als Venus. Möglich ist unserer Meinung nach auch eine Interpretation als „Pictura“, Personifikation der Malkunst: In Cesare Ripas „Iconologia“, einem von den Malern der Renaissance und des Barocks viel genutztem Buch, das abstrakten Begriffen menschliche Personifikationen mit Attributen zuordnet, hält Pittura ein Bündel Pinsel und trägt an einer Kette um den Hals eine Maske, dort Symbol für die Imitatio, die Nachahmung der Natur. Pinsel sowie zusätzlich noch eine Palette sind in der linken Hand unserer weiblichen Figur zu sehen. Allerdings ziert das Medaillon auf ihrer Brust nicht wie bei Ripa eine Maske, sondern ein klassischer Kopf im Profil. Setzt man die junge Frau mit der Pittura gleich, so müsste nach der italienischen Kunsttheorie des 16. und 17. Jahrhunderts der junge Mann als „Disegno“ gedeutet werden. Dieser Begriff implizierte nach damaligem Verständnis nicht nur die Zeichenkunst, gemeint war der schöpferische Genius.
Auf der grundierten Leinwand sind in weißer Kreide die Umrisse einer geflügelten Figur zu sehen, die ein Blasinstrument zum Mund führt: Es ist Fama, die mit ihrer Posaune den Ruhm der Künste verkündet. So erscheint sie bereits auf einem Fresko in der Casa Vasari in Arezzo, in der Camera della Fama e delle Arti, mit der Giorgio Vasari 1542 die Ausmalung seines Hauses begonnen hatte. Ruhm und Ehre erhält also derjenige, der Disegno und Colore (man beachte die leuchtend farbigen Gewänder der Protagonisten) vollendet beherrscht. Allerdings gibt es eine Einschränkung, auf die der junge Mann mit seinem ausgestreckten Zeigefinger hinweist: man braucht auch Glück. Die Rötelzeichnung zeigt eine Frau, die Glücksgöttin Fortuna, die auf einem Rad sitzt und einen Esel bekrönt. Manchmal ist Fortuna also auch denjenigen hold, die es nicht verdient haben. Aber schlussendlich dreht sich das Rad weiter – jeder hat also eine Chance. Der nachdenkliche junge Mann auf unserem Bild befindet sich im Spannungsfeld zwischen der Aspiration auf Ruhm und der Möglichkeit verkannt zu werden, – also zu scheitern, worauf mit der geborstenen Säule hinter ihm angespielt wird.

Michele Desubleo zählt zu den bedeutendsten Vertretern eines eleganten Barockklassizismus Bologneser Ausprägung. Nach seiner Ausbildung, vermutlich in der Werkstatt von Abraham Janssen in Antwerpen, war er in den 1620er Jahren nach Rom gereist. Seit Beginn der 1630er Jahre war er in der Werkstatt Guido Renis in Bologna tätig. Man lobte seine klare Zeichnung, die klassische Schönheit seiner Figuren und v.a. sein leuchtendes Kolorit – ein Erbe seiner flämischen Herkunft. Der Künstlerbiograph Carlo Cesare Malvasia (1616–1693) zählt ihn in seinem 1678 erschienenem Buch „Felsina pittrice, Vite de‘ pittori bolognesi“ nach dem Tod Renis (1642) zu den ersten Künstlern der Stadt. Weiter berichtet er, dass „Desubleo als Maestro neben Tiarino, Albani, Barbieri, Sirano in den von Graf Ettore Ghislieri zum Zwecke einer Akademie in dessen Palazzo zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten tätig gewesen sei“. Gut möglich also, dass sich Desubleo im Zuge der Akademisierung der Künstlerausbildung in Bologna mit den theoretischen Grundlagen der Kunst auseinander gesetzt hatte.
Heike Birkenmaier

Mit einem Gutachten von Prof. Alberto Cottino, Turin, vom 26.6.2007. Das Gemälde wird in den Ergänzungsband seines Werkverzeichnisses aufgenommen.