Robert Motherwell

Study for Shem the Penman

Details

Provenienz:
Geschenk des Künstlers an die Familie Ponsold, seitdem in Familienbesitz, Bayern.

Beschreibung

Robert Motherwell: „Jeder Künstler trägt die gesamte Kultur der Moderne in seinem Kopf . Es ist sein eigentliches Thema, für das alles, was er malt, gleichzeitig Hommage und Kritik ist, und alles, was er sagt, eine Erläuterung“.**

Die legendäre, 1967 begonnene „Open“-Serie, zu der auch „Study for Shem the Penman“ gehört, reflektiert Motherwells Beschäftigung mit den Gegensätzen von Malerei und Zeichnung. In den „Open“- Bildern verbindet der Künstler beide Medien, indem er auf monochrome Farbfelder mit schwarzem Kohlestift eine einzige symbolisch geometrische Form setzt: ein nach oben geöffnetes Rechteck. Diese einmal gefundene Bildform variiert Motherwell in Farbigkeit und inhaltlicher Bezugnahme. In „Study for Shem the Penman“, zu dem es ein fast identisches Werk vom Vortag, also dem 13. Juni 1973 gibt*, setzt er darüber hinaus einen ungewöhnlich starken, besonders reizvollen Farbakzent: Ein einziger Pinselstrich leuchtendes Blau durchzieht ein ockerfarbenes, malerisches Farbfeld, in dem die Kohlezeichnung fast verschwimmt. Mit „Shem the Penman“ (antiquiert für Schriftsteller) bezieht er sich auf die Figur, die in James Joyces „Finnegans Wake“ den archetypischen Künstlercharakter beschreibt. Es geht Robert Motherwell – er steht Anfang der 1970er Jahre auf dem Höhepunkt seines eigenen künstlerischen Schaffens – hier auch um eine kritische Hinterfragung seiner eigenen Identität als Künstler. Er widmete sich seit November 1972 dem Thema und schuf bis Ende 1973 eine Reihe von ca. 15 Werken zu „Shem the Penman“. Im Museum of Modern Art in New York befinden sich heute vier Kohlezeichnungen auf Karton aus dieser bedeutenden Serie. Den Begriff „study“ oder „sketch“ verwendete Motherwell in den 1970er Jahren häufig für Werke, die nicht vorbereitende Studien, sondern eine spätere Weiterentwicklung oder vielleicht besser ein Kreisen um ein zentrales Sujet sind. Auf diese Weise erforscht er malerisch Themen, die ihn besonders faszinieren bzw. beschäftigen. Wie in seinen legendären „Elegien auf die spanische Republik“ verbindet er seine durchweg abstrakten Bilder über narrative Titel mit konkreten Inhalten. Das Arbeiten in Serien ist dabei, wie für viele seiner Künstlerkollegen der New York School, ein entscheidendes Grundprinzip seines Schaffens. Jedes neue Bild ist wie eine anhaltende Meditation zu einem Thema und vielleicht die einzige Möglichkeit, Gefühle wie Freude oder Trauer durch ein abstraktes Bild darzustellen.

*(s. WVZ P729, Jack Flam, Robert Motherwell. Paintings and Collages, Catalogue raisonné 1941 -1991, S. 365)
**Robert Motherwell in Jack Flam: Motherwell, Recklinghausen 1992.