Lyonel Feininger

„Possendorf IV“

Details

Hess 538.

Literatur:
Faass, Martin, Feininger im Weimarer Land. Ausstellungskatalog, Apolda Kromsdorf 1999, S. 132;
Pasadena Art Museum (Hrsg.), Lyonel Feininger 1871-1956: A Memorial Exhibition, Alhambra 1966, o. S.

Ausstellung:
Lyonel Feininger: Recent Paintings and Watercolors (1951-1954), Curt Valentin Gallery, New York 30.3.–24.4.1954, Kat.-Nr. 19;
Lyonel Feininger, Bayerische Akademie der Schönen Künste, München 3.9.–10.10.1954, Kestner- Gesellschaft, Hannover 17.10.–21.11.1954, Kat.-Nr. 39, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett;
Lyonel Feininger, Stedelijk Museum, Amsterdam 10.12.1954–17.1.1955, Kat.-Nr. 39;
Ausstellung mit Arbeiten von Lyonel, Andreas, Laurence and T. Lux Feininger, The Mint Museum of Art, Charlotte 3.– 31.1.1956 (Checkliste-Nr. 11);
Lyonel Feininger. Retrospective in Japan, Yokosuka Museum of Art, Yokosuka 2.8.–5.10.2008 (verso auf der Abdeckpappe mit dem Etikett)/ Aichi Prefectural Museum of Art, Higashisakura 17.10.– 23.12.2008/ The Miyagi Museum of Art, Sendai 10.1.–1.3.2009, Kat-Nr. 135, mit farb. Abb. S. 159;
Zurück in Amerika: Lyonel Feininger 1937-1956, Staatliche Galerie Moritzburg, Halle 16.5.–30.8.2009, Kat.-Nr. 37, mit farb. Abb. S. 121;
Lyonel Feininger (1871-1956), Fundación Juan March, Madrid 17.2.–28.5.2017, Nr. 383, mit farb. Abb. S. 317.

Provenienz:
Nachlass des Künstlers;
Julia Feininger, New York;
T. Lux Feininger, New York;
T. Lux Feininger Family Trust gemäß Testament von Julia Feininger.

Beschreibung

Einmal von einem Motiv begeistert, griff Feininger dieses zeit seines Lebens immer wieder auf. Allein von der Kirche von Possendorf existieren fünf Gemälde, wovon das erste 1929 (Possendorf I [Hess 309]) und das letzte, die vorliegende Arbeit Possendorf IV, 1953-54 entstand. Letztere zeigt, wie auch zwei weitere Gemälde, die Kirche von Possendorf von der Südostseite.
Poseendorf IV, eines seiner letzten Gemälde überhaupt, steht emblematisch sowohl für Feiningers „serielle“ Arbeitsweise als auch für den graphischen Stil seines Spätwerkes. In dem Werk greift er zum letzten Mal das Motiv der Kirche von Possendorf in einem Gemälde auf, welches er seit zwei Jahrzehnten – Feininger war 1937 in seine Heimatstadt New York zurückgekehrt – nicht mehr gesehen hatte. Allein in seinen „Natur-Notizen“ und in seiner Erinnerung lebten die Motive aus dem Weimarer Land fort, die einen so nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen hatten, dass er auch aus Manhattan immer wieder zu ihnen zurückkehrte (vgl. die Naturnotiz „Possendorf“ – Los 507). Während Feininger die Gelb-, Orange, Grau-, Blau und Grüntöne in Possendorf II noch als konstruktive und strukturierende Elemente zur Raumgestaltung dienen, verwendete er sie in Possendorf IV nunmehr dazu, dem Gemälde eine Grundstimmung zu geben. Vor diesem Hintergrund scheint die in Strichen aufgelöste Kirche entmaterialisiert, wie eine zum Traum gewordene Erinnerung. Schon 1944 schreibt Feininger seinem Freund, dem Kunsthistoriker Alois J. Schardt:
„Die Form ist auf’s Knappste bemessen – und der ganze Apparat der Farbe und der Malweise auf das Einfachste reduziert – wie Ballast, der abgeworfen wurde, und nunmehr frei fliegen zu können, oder besser gesagt: der Ballast besteht nicht mehr im Umständlichen der technischen Durchführung, sondern in Erfahrung, die nicht mehr hindernd dazwischen tritt, sondern jetzt den freien Flug sicher leitet“ (Brief vom 29. Juli 1944).
In Possendorf IV kommt zum Ausdruck, was Hans Hess über ein anderes Gemälde in Feiningers graphischem Stil schreibt: „Das Bild wird im Raum, ohne große physische Kraft, aber mit umso mehr geistiger Konzentration gehalten. Das Gleichgewicht ist festgefügt, die Linien des Zusammenhalts und der Spannung werden zu aktiven Kräften der Raumentfaltung“ (Hans Hess, Lyonel Feininger, 1959, S. 158, Vita Nova, 1947 – Hess 471).
Wenn Hess feststellt, dass in seinen späten Werken alles Wesentliche gesagt und alles Überflüssige verschwunden ist (vgl. Hess, S. 159), dann ist dies auch für Possendorf IV zutreffend. Vielmehr als eine verblassende Erinnerung ist das Gemälde Ausdruck einer überzeitlichen Sehnsucht, eine kosmische Vision, dessen was war, ist und sein wird.