Details

Ausstellung:
Ernst Neuschul: Von der Neuen Sachlichkeit zur neuen Unsachlichkeit. Ölgemälde von 1926 bis 1966, Bezirksamt Tiergarten von Berlin, Amt für Kunst, Berlin 14.6.-17.7.1966, Kat.-Nr. 1, mit Abb.;
Ernst Neuschul 1895-1968: Neue Sachlichkeit & Social Realism, Campbell & Franks; November 1978, Kat.-Nr. 1 (Abb. Cover);
Ernest Neuschul 1895-1968, A Retrospective
Exhibition of Paintings, Leicestershire Museums and Art Gallery, Leicester 29.10.1988 – 8.1.1989;
Ernst Neuschul 1895-1968 – Die neusachlichen Bilder, Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg Februar – April 2002, S. 98 mit Abb.

Provenienz:
Campbell and Franks Gallery, 1978 vom Vorbesitzer dort erworben;
Privatsammlung, England, durch Erbfolge 1984 an den jetzigen Besitzer.

Beschreibung

Nach dem Ersten Weltkrieg zieht Neuschul nach Berlin. Im Stil der Neuen Sachlichkeit malt er nun das Berliner Großstadtleben mit seinen Arbeitern und Nachtschwärmern. Ihn fasziniert alles, was lebendig, krass, extrem, sinnlich und wütend ist. Im Gegensatz zu anderen Künstlern der Neuen Sachlichkeit bringt er in seiner Kunst trotz aller Sozialkritik auch sein Mitgefühl für seine Mitmenschen zum Ausdruck. Dabei sucht er in seinen Gemälden immer eine farbliche und kompositorische Harmonie. In einem 1926 erschienenen Essay schrieb Max Brod: „Das Hauptsächliche ist ihm die Form, sei es im ruhigen Verharren, sei es in ausdrucksvoller Bewegung. Also tief erfühlte Realität, in Formen- und Farbenklang umgesetzt.“ Die Schönheit sucht Neuschul besonders in romantischen Bibelgeschichten wie Susanna im Bade oder, wie hier, Samson. Laut dem Alten Testament hatte Samson übermenschliche Kräfte, solange sein Haupthaar ungeschoren blieb. Seine philistinische Frau Dalia verriet ihn, er wurde gefangen genommen, geblendet und geschoren. Als sein Haar wieder wuchs, erlangte er noch einmal seine Kraft und brachte in einem Racheakt einen Philistertempel zum Einsturz. Dabei riss er etwa 3.000 Philister mit sich in den Tod. Die Philister stehen hier für die alte Weltordnung, symbolisiert durch einen riesigen, doppelstöckigen Tempel, den ein einsamer Mann in einem übermenschlichen Kraftakt und unter Einsatz seines eigenen Lebens zum Einsturz bringt. Im Vergleich zu der früheren Fassung von 1923 wirkt die spätere Version noch präziser und plastischer. Neuschul wählt für den menschlichen Körper und für die Bausteine die gleichen Farben und gibt beiden Elementen das gleiche, durch starke Hell-dunkel-Kontraste ausgearbeitete, plastische Volumen. So wird der Mensch Teil des Baukonstrukts, der einzige Teil, der noch zusammenhält. Bald jedoch wird auch dieser Körper zerbrechen und unter den Baumassen begraben werden. Auch hier verbindet Neuschul Sozialkritik mit einem Mitleid, das man unmittelbar bei der Betrachtung dieses menschlichen, nackten und verletzlichen Helden verspürt.