Details

Voss 248/18.

Literatur:
Die Kunst unserer Zeit, XIV. Jg., München 1903, S. 230, Abb. vor S. 231;
Die graphischen Künste, XXVI. Jg., Wien 1903, S. 20 (Abb. einer Radierung nach dem Gemälde, S. 25; Abb. des Gemäldes im Atelier, S. 29);
Die Kunst für Alle, XIX. Jg., München 1903, S. 36, Abb. S. 35 (Abb. des Gemäldes im Atelier, S. 56);
Fritz von Ostini, Franz von Stuck. Gesamtwerk, München 1909, Abb. S. 82;
Heinrich Voss, Franz von Stuck. 1863-1928. Werkkatalog der Gemälde mit einer Einführung in seinen Symbolismus, München 1973, S. 285, Kat.-Nr. 248/18, mit Abb. auf S. 153.

Ausstellung:
Internationale Kunst-Ausstellung des Vereins bildender Künstler Münchens „Secession“, München 1903, S. 24, Kat.-Nr. 243 („Der gefesselte Centaur“);
X. Ausstellung der Münchener Sezession: Der Deutsche Künstlerbund, München 1904, S. 63, Kat.-Nr. 522 (selbiger Titel).

Provenienz:
Frau Kommerzienrat Koch, Dresden;
Privatbesitz, Süddeutschland.

Beschreibung

Wir wissen, dass wir alle vor Amors Macht kapitulieren, dass wir ihm, wenn er seine Pfeile verschießt, hoffnungslos verfallen – wir sind ihm machtlos ausgeliefert. Wir wissen es seit Adam und Eva, und seit der Renaissance wurde das Thema unter dem Motto „Amor vincit omnia“ in den Künsten immer wieder erprobt. Auch Kentauren, die Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, diese Mischung aus Mensch und Pferd, wissen von diesem Kampf zu erzählen – sie kämpfen sich als Halbgötter durch die Antike, die Tiermenschen bevölkern Friese von Tempeln und ziehen gegen die Lapithen in den Kampf, der für die Auseinandersetzung zwischen Intellekt und Triebhaftigkeit des Menschen steht. Ihn hat die Neuzeit, von Michelangelo bis Rubens, wiederholt thematisiert, doch erst das 19. Jahrhundert hat den bukolischen Kentauren wieder entdeckt. Symbolisten wie Arnold Böcklin schufen eine südliche Traumwelt, in der sich Kentauren im Meer untereinander bekämpfen, sie besuchen eine Dorfschmiede oder entführen auch mal eine Nymphe.
Auch Franz von Stucks Gemälde bevölkern Nymphen, Faune, selbst erfundene Fabelwesen und Kentauren; in ihnen schuf er sich und seinem Publikum eine Fantasiewelt, sie sind Erscheinungen aus dem Fabelland der homerischen Welt. Stuck weiß, dass Kentauren kein gemütliches Volk sind – bei ihm sind sie animalisch, sie kämpfen untereinander, sie rauben Nymphen, sie herzen und scherzen miteinander, und sie sind immer Rivalen im Kampf um die Frau, um den Eros. In solchen Themen konnte Stuck, der seinem frühen Biografen Otto Julius Bierbaum zufolge „mit gut niederbayerischer Breitbeinigkeit seinen Posten“ behauptete, seine Sinnenfreudigkeit ausleben und voll Ironie und Humor dem städtischen, in seinen Empfindungen gezügelten Bürgertum aufzeigen, was ihm an Ursprünglichkeit und Spontanität abhandengekommen war. Es sind die Gemälde, mit denen er den Nerv des domestizierten Bürgertums traf, in denen ihm auf ironische, deshalb aber nicht entlarvende Weise, der Spiegel seiner bürgerlichen Existenz vorgehalten wurde.
Kentauren sind kraftstrotzende, triebgesteuerte Wesen, doch bei Stuck altern sie auch manchmal, ihre animalischen Kräfte und ihre Lebensgier erlahmen, ihre Muskeln erschlaffen und sie werden so ruhig, dass sie den Wald Flöte spielend durchstreifen. Stuck hat sein 1900 entstandenes Gemälde „Der alte Kentaur“ (Voss 213/16) zwei Jahre später zur Grundlage unserer Komposition gemacht – doch mit zwei entscheidenden Unterschieden: Nach Kunstreiterart steht auf der Kruppe des Kentauren ein kleiner Amor, der ihn mit einem Rosenband zügelt – und Stuck wäre nicht Stuck, wenn er dem greisen Kentauren nicht Eselsohren verpasst hätte, die weiterhin auf seine triebgesteuerte Existenz anspielen. Freudig, auch belustigt verrichtet Amor sein Werk im Wissen, dass auch das Alter vor Torheit in Liebesdingen nicht schützt. Es ist zweifellos eine boshafte Satire auf das Altern, die Stuck viel Freude bereitet haben dürfte.
Fritz von Ostini, Schriftsteller und Redakteur der „Jugend“, bemerkte, dass das Gemälde „auf den ersten Blick ganz pompejanisch“ anmutet, und tatsächlich kann man es sich in seinem dekorativen Habitus als Teil einer Wandverzierung vorstellen, wie sie Stuck in seiner eigenen Villa exemplarisch vorführte. Der dunkle, fast schwarze Hintergrund, aus dessen Tiefe Stuck eine kontrastreiche Farbigkeit mit glänzenden Höhen und Lichtern entwickelt, lässt das Gemälde beinahe als Relief erscheinen – eine Vorstellung, die Stuck immer verfolgt hat, dass nämlich Gemälde als Relief und Reliefs als Gemälde wirken. Die ursprüngliche Landschaft, die noch 1900 der greise Kentaur durchstreift, ersetzte Stuck wenig später durch einen neutralen, dunklen Hintergrund, weil, wie er selbst sagte, „sie [die Landschaft] gar nicht nötig sei“ und um den reliefhaften, dekorativen Charakter zu betonen. Der Bezug zur Antike ist unverkennbar und man wüsste gern, ob Stuck bekannt war, dass bereits in der Antike ähnlich dekorative Amor-Kentaurengruppen existierten.
1903 gehörte Stuck zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Künstlerbundes, für dessen erste Ausstellung im Kunstausstellungsgebäude er sein 1902 entstandenes Gemälde „Kentaur und Amor“ zur Verfügung stellte. Dort wurde es passend zu Möbeln von Bruno Paul arrangiert und vermutlich von der Frau eines Kommerzienrates Koch in Dresden gekauft – die Dame hatte offensichtlich Humor.
 Dr. Peter Prange

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