Lesser Ury

Malerin auf einem römischen Weg

Details

Mit einem Gutachten von Dr. Sibylle Groß, Berlin, vom 2.11.2022. Das Gemälde wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Lesser Ury aufgenommen.

Literatur:
Kindlers Malerei Lexikon, Bd. 5, Zürich 1968, S. 605 (Landschaft mit Malerin, 1890; Slg. Neumeister, München);
Seyppel, Joachim, Lesser Ury. Der Maler der alten City. Leben – Kunst – Wirkung. Eine Monographie, Berlin 1987, S. 201, Nr. 100.

Ausstellung:
Lesser Ury Gedenk-Ausstellung, Nationalgalerie, Berlin 1931, Kat.-Nr. 23;
Lesser Ury zum 100. Geburtstag, Sonderausstellung, Galerie Paffrath, Düsseldorf 1961, Kat.-Nr. 8 (Titel: Landschaft mit Malerin);
Lesser Ury, Ausstellung anläßlich des 100. Geburtstages, Bezirksamt Tiergarten, Berlin 1961, Kat.-Nr. 37 (Titel: Landschaft mit Malerin).

Provenienz:
Nachlass des Künstlers, verso auf der Leinwand mit dem runden Nachlass-Etikett und der handschriftlichen Nr. 117;
Inventar des Nachlasses von Lesser Ury im Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Nr. 117;
Mirjam Behrendt, Stettin, durch Erbfolge, Juni 1932;
Galerie Neumeister, München, spätestens seit 1961;
Privatbesitz, Süddeutschland, bei Vorgenannter Anfang der 1960er Jahre erworben;
Privatbesitz, Süddeutschland, durch Erbfolge an den jetzigen Besitzer.

Beschreibung

• Frühe Arbeit, während einer einjährigen Studienreise nach Italien 1890 entstanden
• Ohne Vorstudien in „Prima vista“-Manier vor Ort gemalt
• Wechselspiel von gleißendem Sonnenlicht und dunklen Schattenpartien

Dr. Sibylle Groß schreibt in ihrem Gutachten vom 2.11.2022: „Das Gemälde entstand während eines längeren Aufenthaltes des Malers in Rom. Im Jahre 1890 hatte die Berliner Akademie der Künste den Michael Beer-Preis an Lesser Ury verliehen. Als Preisträger erhielt er ein Stipendium für eine einjährige Studienreise nach Italien mit der Auflage, acht Monate in Rom zu verweilen. Der Michael Beer-Preis, der seit 1834 jährlich von der Akademie vergeben wurde, stand in der Tradition der ‚Romreise‘, die konstitutiv zur Ausbildung von jungen Künstlern im 19. Jahrhundert gehörte.
Rom machte auf Lesser Ury indes den Eindruck einer vom Kulturerbe erstarrten Stadt, die an Neuem und Modernen ihm nichts zu bieten hatte. Lesser Ury, der – glaubt man seinem Reisebericht an die Akademie – die öffentlichen Galerien und Museen aufsuchte, konnte der älteren Kunst nichts abgewinnen. So wundert es nicht, dass sich keine Arbeiten von ihm erhalten haben, die Einflüsse der Malerei in Rom reflektieren und wiedergeben, geschweige denn diese kopieren. Wie Lesser Ury damals Rom wahrnahm, was ihn dort innerlich bewegte, darüber geben seine Briefe an seinen Freund Franz Hermann Meißner (1863-1925), einem Berliner Literaten und Kunstschriftsteller, beredt Aufschluss: „Rom ist ein alter Müllhaufen, auf welchem ein frisches Leben nicht gedeihen kann. Ich habe auf Berlin geschimpft aber dort ist doch wenigstens Bewegung, Streben nach etwas Besserem, ein nervöses Vorwärtsdrängen, aber hier Rafael und römischer Müllhaufen, kurz todt und dreimal todt.“ Ury empfand sich inmitten Roms nicht zuletzt isoliert: „Hier habe ich keine Modelle, weiß keinen Atom von der Sprache…“
So nimmt es nicht wunder, dass die Kunstgeschichtsschreibung seinerzeit die Italienreise 1890/91 für Lesser Ury künstlerisch ohne großen Einfluss beurteilt. Bereits 1895 schrieb der Berliner Kunsthistoriker und Publizist Oscar Bie (1864-1938): „Ury ging nach Rom. Aber diese Welt glitt eindruckslos an ihm vorüber.“
Roms Stadtkulisse blieb jedoch nicht ohne Wirkung auf Lesser Ury. Er malte Rom aus der Sicht des Flaneurs: den Petersplatz mit dem Petersdom, das Kolosseum, den Titusbogen, die Piazza del Popolo. Es waren die Straßenszenen mit ihren Baudenkmälern, die Urys Interesse an Rom noch wecken konnten. Dabei stand nicht die Wiedergabe des einzelnen Bauwerks als solches im Fokus des Malers, er ordnete dieses zugunsten einer Ansicht bzw. Perspektive unter, die sein künstlerisches Interesse erregte. (…) Lesser Ury verweigerte sich der Antikenverehrung oder dem Hohen Lied auf vergangene Künste. Die Ansicht des Titusbogens ist nicht seiner Bewunderung für diesen geschuldet, es ist vielmehr das umliegende Panorama, die Weite des Himmels und der Blick zum nächsten Hügel Roms, was ihn bewegte. Der Höhenweg auf dem vorliegenden Gemälde lässt sich in Rom nicht verorten. Lesser Ury lenkt das Augenmerk des Betrachters auf die malende junge Frau mit leuchtend rotem Rock und Hut, die im Schatten der Bäume vor einer Staffelei sitzt – und zugleich lenkt er dessen Blick in der Ferne auf die hell im Sonnenlicht schimmernde Villa, deren Darstellung sich die junge Dame widmet. Lesser Ury malte eine Malerin längs eines Weges, der am Horizont im strahlend blauen Himmel zu enden scheint.“