Details

Provenienz:
Bayerische Hofkunsthandlung Stuffler, München;
Privatbesitz, Rheinland-Pfalz (in obiger Galerie im April 1959 erworben);
im Erbgang an die jetzigen Besitzer, Rheinland-Pfalz.

Beschreibung

Der gebürtige Bayreuther August Heinrich Riedel war im Frühjahr 1828 nach einem ersten kurzen Aufenthalt 1823 erneut nach Rom gekommen, wo er schon früh Erfolge feiern konnte. An seinen Lehrer Robert von Langer in München, bei dem er von 1818 bis 1823 Schüler an der Akademie war, berichtete er Anfang Juli, er habe ein Bild fertig, “ es ist zwar nichts weiter als ein Bauernmädchen, lebensgroß, halbe Figur, doch ist sie hübsch gewesen, der Anzug sehr schön und großartig, auch hatte das Mädchen eine wunderbare Farbe, ich bekomme ziemlich viel Besuche und es gefällt.“ Schon diese erste in Rom entstandene Arbeit legte seine künftige Richtung fest, die ihm fortan auch großen kommerziellen Erfolg bescheren sollte – er begann sich unter dem Einfluss der Malerei Léopold Roberts auf weibliche Modelle und deren Darstellung zu konzentrieren, mit der er den Geschmack des Publikums europaweit traf.
1829 beteiligte er sich an der berühmten Ausstellung im Palazzo Caffarelli, die von Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen besucht wurde, mit dem lebensgroßen Bildnis einer römischen Frau, die er gleich zweimal malte, „denn nicht leicht werde ich einen ähnlichen Kopf bekommen, ein ächter, römischer Kopf“, schreibt er an Langer Anfang Januar. Riedel ergänzte, dass er denjenigen, die noch nie in Rom waren, „etwas zu männlich zu kräftig vorkommen“ könnte.
Einen „ächte[n], römische[n] Kopf“ zeigt auch unser lebensgroßes Bildnis einer jungen Frau, das 1829 während Riedels zweitem Aufenthalt in Rom entstanden ist. Ob es sich dabei um das ausgestellte Bildnis handelt, wäre eine verlockende Annahme, doch muss sie einstweilen Spekulation bleiben.
Im strengen Profil gegeben, lehnt sie an einer Brüstung, hinter der Meer und Himmel klar voneinander geschieden sind. Beide sind vollkommen unbewegt, keine Regung ist sichtbar, und auch die Frau verharrt gedankenvoll an der Brüstung – mit der einen Hand ein Tuch greifend, hat sie die andere wie sinnend vor die Brust gelegt. Es klingt hier noch der alte Topos der „Melancholia“ an, jenes Gefühl der Schwermut, das die Kunst seit der Renaissance immer wieder erfasst hatte. Sie hat sich vom Betrachter abgewandt, ihr Blick ist zur Seite in eine unbestimmte Ferne gerichtet und ihr ebenmäßiges Gesicht zeigt keine Regung – woran mag sie denken? Ist sie in Trauer, worauf das Tuch auf der Brüstung weisen könnte, weil ihr Angetrauter sie verlassen musste? Auch ihr weißes Gewand, die Farbe der Reinheit, könnte in eine solche Richtung deuten – doch wir wissen es nicht. Bewusst lässt der Maler ihre Geschichte offen, umgibt sie mit einem Rätsel, das er nicht preisgibt. Wir wissen auch nicht, wer die Dargestellte ist – Riedel hatte zwar viele berühmte Modelle wie Vittoria Caldoni oder Felice Berardi, in seiner Frühzeit jedoch vor allem unbekannte Modelle, die für ein geringeres Entgelt posierten.
In der kühlen und distanzierten, auch etwas statischen Erfassung ihres Antlitzes knüpft das Bildnis an den zeichnerischen Ernst und die Würde der strengen Profile der Frührenaissance an, doch kündigt sich in dem gedankenverlorenen Sinnen, in ihrer gleichsam existentiellen Nachdenklichkeit eine neue Zeit an: 1840 hatte Riedel mit der Darstellung der alttestamentarischen „Judith“ (München, Neue Pinakothek) einen großen Erfolg gefeiert, die auch Anselm Feuerbach tief beeindruckt hatte. Ihre Monumentalität, ihre Unnahbarkeit, auch ihre distanzierte Schönheit stand für ein neues Frauenbild, das Feuerbach in den vielfältigen Bildnissen seiner Anna „Nanna“ Risi endgültig formulierte. Seine introvertierte Erfassung von Innerlichkeit und Gedankenschwere scheint sich bereits in Riedels frühem Bildnis anzukündigen. Darin liegt die besondere Bedeutung dieses reizvollen Bildnisses.
Dr. Peter Prange