Wassily Kandinsky

Titelholzschnitt für den Almanach Der Blaue Reiter

Details

Roethel 141 I (von III).

Provenienz:
Galerie Kornfeld, Bern;
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen, 2003 bei Vorgenannter erworben.

Beschreibung

„Die Neigung des Blau zur Vertiefung ist so groß, daß es gerade in tieferen Tönen intensiver wird und charakteristischer innerlich wirkt. Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels, so wie wir ihn uns vorstellen bei dem Klange des Wortes Himmel.“
Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1911, S. 77.

Kandinsky skizziert Franz Marc in einem Brief vom 11. Juni 1911 sehr euphorisch seine ersten Ideen zu einem gemeinsamen Almanach: „Nun! Ich habe einen neuen Plan. Piper muß Verlag besorgen und wir beide – die Redakteure sein. Eine Art Almanach (Jahres-) mit Reproduktionen und Artikeln … und Chronik!! d.h. Berichte über Ausstellungen – Kritik, nur von Künstlern stammend. In dem Buch muß sich das ganze Jahr spiegeln, und eine Kette zur Vergangenheit und ein Strahl in die Zukunft müssen diesem Spiegel das volle Leben geben. (…).“

In den folgenden Monaten arbeiten die befreundeten Künstler Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz und Maria Marc, Heinrich Campendonk und August Macke als Redaktionsgemeinschaft an der Ausgabe des Almanachs. Als Name für ihren losen Zusammenschluss wählen sie „Der Blaue Reiter“, nach einem Gemälde von Kandinsky aus dem Jahr 1903 (WVZ Roethel/Benjamin 82). Als treibende Kraft plant Kandinsky in den folgenden Monaten nicht nur den Inhalt des Almanachs und wirbt dafür bei ausgewählten Künstlern, Musikern und Autoren um deren Beiträge, er kümmert sich auch bereits um einen Entwurf für die Gestaltung des Buchtitels. Aus dem Jahr 1911 sind zehn Aquarellentwürfe bekannt, in denen er aus dem bereits wiederholt in seinem Œuvre auftauchenden Motiv des Reiters in weiter Landschaft und der Darstellung des heiligen Georgs zu Pferde das Motiv des „Blauen Reiters“ entwickelt und in verschiedenen Varianten durchspielt. Der finale Entwurf mit der charakteristischen Schrift „Almanach der Blaue Reiter“ am linken Rand entsteht im September 1911 und wird von Kandinsky sogleich als Holzschnitt umgesetzt. Doch bereits am 21. September schreibt Kandinsky an Marc, dass er auf Anraten des Verlegers Piper und dessen Mitarbeiters Hammelmann das Wort „Almanach“ aus dem Titel entfernen wird: „Piper und Hammelmann sind beide sehr gegen das Wort ‚Almanach‘ und mit Recht. So will ich dieses Wort aus dem Holzstock herausschneiden.“ Das anfangs so enthusiastisch begonnene gemeinschaftliche Buchprojekt sollte ursprünglich im Januar 1912 erscheinen, verzögert sich dann aber bis Mai 1912. Bis zuletzt gibt es Diskussionen über die Gestaltung des Buchtitels, zu dem auch Franz Marc auf Wunsch von Kandinsky einen eigenen, heute nicht mehr erhaltenen Entwurf beisteuert. Letztendlich jedoch entscheidet Kandinsky eigenmächtig, dass der Buchumschlag mit seinem Holzschnitt gestaltet wird, sehr zum Ärger Marcs: „(…) Wie Sie diese harmlose Titelblattfrage ansehen, ist mir in Ihrem Brief vollkommen schleierhaft. Ich schrieb Ihnen doch schließlich, daß es das Gescheiteste wäre, vornehm in Leder zu binden, mit Ihrem Stempel vorne und das Titelblatt innen.“ (Marc an Kandinsky, 22.3.1912). Somit erscheint der Almanach mit Kandinskys Holzschnitt auf dem Buchtitel, auf den er im Galvanodruckverfahren aufgebracht wurde. Für die Luxusausgabe des Buches wird die Darstellung um einen weiteren Druckstock in Rot erweitert. Wie tief die Entfremdung von Kandinsky und Marc über das Buchprojekt hinaus war, zeigt sich unter anderem daran, dass der geplante zweite Almanach nicht mehr zustande kommt. Die zweite Auflage erscheint 1914 mit zwei getrennt verfassten Einleitungen statt des gemeinsamen Vorwortes.

Auch wenn das Wort „Almanach“ vom Buchtitel getilgt wurde, so hat es sich doch als Begriff für die einzige und historisch außergewöhnliche Veröffentlichung der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ etabliert, die heute zu den wichtigsten Programmschriften des Expressionismus und der Moderne zählt.