Herman de Vries

„V71 – 152“ Random Objectivation

Details

Provenienz:
Privatsammlung, Rheinland (direkt beim Künstler erworben).

Beschreibung

Bevor Herman de Vries sich entschieden hat, als Künstler freischaffend zu arbeiten, wurde er zum Landschaftsgärtner ausgebildet und war als junger Mann einige Jahre in Feld, Wald und Gärten tätig. Er verknüpft seine Beobachtungen in der Natur und den dort herrschenden biologischen Phänomenen mit philosophischen Fragen.
Mit diesen Überlegungen bringt de Vries sich in den Diskurs über Kunst nach 1945 ein und leistet bis heute einen eigenständigen und allseits anerkannten Beitrag. Herman de Vries ist Gründungsmitglied der niederländischen Gruppe nul, die ZERO nahestand und ebenfalls einen Neuanfang der bildenden Künste proklamierte. 1984 war de Vries in der von Kaspar König kuratierten Ausstellung „Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf“ vertreten. Heute zählt dieses Projekt zu den wichtigsten Positionsbestimmungen seiner Zeit. 2015 wurde Herman de Vries der niederländische Pavillon der Biennale von Venedig anvertraut.
Die vorliegende Arbeit von 1971 zählt zur Gruppe der „Random Objectivations“. Diesen Werken liegt der Zufall als Gestaltungsprinzip zugrunde. Schon in den 1960er Jahren hat de Vries begonnen, mit von Rechnern ermittelten Zahlenreihen zu experimentieren. Den ihm zur Verfügung stehenden Zahlenreihen ordnete er Quadrate in unterschiedlichen Farben zu und schuf auf diese Weise Kompositionen, die nicht dem persönlichen Gestaltungswillen des Künstlers unterliegen, deren Bezugssystem frei von Subjektivität ist. Der Begriff Objektivation ist der Philosophie entlehnt und meint den Willen zur Vergegenständlichung von geistigen Vorstellungen in der Welt der Dinge und des Handelns. Kurz gesagt ist es der Wille zum Leben.
Zentraler Bestandteil von de Vries’ Gesamtwerk sind seine theoretischen Schriften. Unmittelbar verbunden mit seinen Publikationen ist der Austausch mit anderen Künstlern. In de Vries’ eigener Sammlung befinden sich zahlreiche Werke befreundeter Künstler, die schönste Geschichte erzählt wohl eine Hinterlassenschaft von Mathias Goeritz im Atelier. Goeritz wurde 1915 in Danzig geboren, emigrierte 1941 und fand in Mexiko seine neue Heimat. Er war dort als Architekt, Maler, Bildhauer tätig und verfasste wie de Vries theoretische Schriften. Goeritz zählt zu den bedeutendsten Künstlern Mexikos und war 2015 in der großen „Post War“-Ausstellung im Haus der Kunst in München vertreten.
Im Jahr 1965 war Goeritz einige Zeit bei de Vries zu Gast und beide arbeiteten Seite an Seite. Gemeinschaftsarbeiten entstanden nicht, jedoch schuf der Besucher eine Variante von „Random Objectivation“ und ließ sie bei de Vries zurück. Die Materialien verweisen darauf, dass sie von Goeritz zufällig im Atelier gefunden wurden. Es ist eine mit weißer Farbe grundierte Faserplatte wie wir sie von de Vries kennen, in die ein einziger Nagel hineingehauen wurde. Trotz seiner Radikalität und unter Verwendung von de Vries’ Materialien verweist das Nagelbild eindeutig auf Goeritz’ Fragestellungen in dieser Zeit. Ab Mitte der 1950er Jahre entstand die Werkgruppe der „Messages“, dabei handelt es sich um raumplastische Objekte und Assemblagen. Die „Messages“ sind weitgehend monochrom, besitzen Nägel und setzen sich im Hinblick auf die Vorstellung von Licht und Raum mit den Ideen der Gruppe ZERO auseinander. Mathias Goeritz lässt eine „Message“ für Herman de Vries zurück, geboren aus dem Geist des Zufalls, den Willen des Urhebers reflektierend, schließlich zum Objekt geworden. Sicherlich eines der schönsten Gastgeschenke, das ein Künstler, dem anderen im Geist zutiefst verbunden, zurücklassen kann.