Carl Spitzweg

The philosopher in the woods

Details

Wichmann 333.

Literatur:
Roennefahrt 961;
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Verzeichnis der Werke, Stuttgart 2002, S. 209/210, Kat.-Nr. 333.

Ausstellung:
Neue Galerie Schönemann & Lampl, München, Spitzweg-Ausstellung, 1927, Kat.-Nr. 25 (“Philosoph am Waldesrand”); Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts mit Sonderschau Carl Spitzweg: Große Verkaufs-Ausstellung, Kunsthaus Bühler, 11. November – 21. Dezember 1983, Stuttgart 1983, S. 3, Abb.

Provenienz:
Nachlass des Künstlers;
Hugo Helbing, München, Auktion, 25.2.1907, Los 93, mit Tafel (“Im Walde”);
Hugo Helbing, München, Auktion, 30.6.1909, Los 118, Abb. S. 40 (“Der Bücherwurm”);
Hugo Helbing, München, Auktion, 9.11.1919, Los 262, Tafel XI (“Die Lektüre”);
Sammlung Sturzenegger, St. Gallen;
Fischer, Luzern, Auktion 72, 20.-24.5.1941, Los 986 (“Ausruhender Spaziergänger”);
Kunsthaus Bühler, Stuttgart (1983);
Privatsammlung, Berlin
Sotheby’s, London, Auktion, 13.6.2006, Los 33;
Karl & Faber, München, Auktion 237, 23.5.2011, Los 227;
Privatbesitz, Süddeutschland.

Description

Das Gemälde lässt sich schon früh im 20. Jahrhundert auf mehreren Auktionen nachweisen, auf denen es unter wechselnden Titeln angeboten wurde: Zunächst neutral als “im Walde”, dann etwas ironisierend als “Der Bücherwurm”, auch mit dem Hinweis auf die Tätigkeit des Dargestellten als “Die Lektüre” und wieder allgemeiner als ein “Ausruhender Spaziergänger” und zuletzt im Werkverzeichnis der Gemälde Spitzwegs etwas gewählt als “Der Philosoph im Walde”. Spitzweg hat eine Reihe von Gemälden geschaffen, die einen Geistlichen bzw. einen Herrn aus dem Bürgertum in einem Wald lesend unter einem Sphinxdenkmal zeigen (Wichmann 335-338). Sie alle tragen den Titel “Der Philosoph” – der Titel unseres Bildes mag der ähnlichen Situation geschuldet sein, doch ob es sich bei dem dargestellten Herrn um einen Philosophen handelt, wird man kaum entscheiden können – ist für das Verständnis des Gemäldes indes auch unerheblich. Spitzweg widmet sich einem Thema, das im 19. Jahrhundert besondere Relevanz hatte: dem Lesen. Ein junger Mann in schwarzem Rock hat sich in einem Wald zwischen zwei hochstrebenden Buchenstämmen auf einer Bank niedergelassen und sich in sein Buch vertieft. Er hat seinen Zylinder abgelegt, hinter ihm bricht das morgendliche Sonnenlicht durch das Blätterwerk, das im Vordergrund auf einem Busch für ein fast impressionistisch flirrendes Farbenspiel sorgt, während links hinter ihm ein kleiner Bach vorbeizieht – all dies bemerkt der Leser nicht, zu sehr ist er in seine Lektüre vertieft. Nachdem im 18. Jahrhundert gleichsam eine “Leserevolution” stattgefunden hatte – Anstieg der Buchproduktion, Entstehung von Bibliotheken und Lesegesellschaften sind hier einige Stichworte –, erschloss das 19. Jahrhundert neue Leseschichten. Frauen, Kinder und Arbeiter bekamen im Zuge der Massenalphabetisierung Zugang zu Bildung und Literatur – Lesen war allgegenwärtig und doch war es zu damaliger Zeit nicht alltäglich, dass ein Mann alleine in der Natur liest. Es ist eine kulturelle Aneignung, die davor vielfach nur Geistlichen vorbehalten war, doch im 19. Jahrhundert breite Schichten des Bürgertums ergriff.
Spitzweg schafft in seinen Gemälde häufig Orte des Alleinseins – der Blumenfreund, der Bücherwurm, der Wachtposten, der Gratulant – sie alle sind allein und auf sich selbst und ihr Tun bezogen, sie leben gleichsam in einer eigenen Welt – hier an einem lieblichen Ort, an dem Mensch und Natur in harmonischer Eintracht einander beglückend zusammenleben. Man geht sicher nicht zu weit, in ihnen die profanen Gegenstücke zu seinen zahlreichen Mönchen zu erkennen, die ihr Dasein als Einsiedler in einer einsamen Klause verbringen und dort lesen, musizieren oder auch einfach nur schlafen. Der Rückzug in das Private, die Vereinzelung des Individuums mag dabei einher gehen mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die Spitzweg genau beobachtet hat: Nach dem Scheitern der Revolution 1848, an der Spitzweg in München Anteil genommen hatte, und der Etablierung neuer restaurativer Tendenzen schafft Spitzweg in seinen Gemälden private Rückzugsorte, die beim Publikum außerordentlich erfolgreich waren.
Das Bild ist eher eine freie Skizze als ein ausgeführtes Gemälde. Pastos sind die Farben und Lichter auf den Bildträger gesetzt und durch eine grobe Tupftechnik bestimmt, die noch nichts von Spitzwegs erst um 1860 zu beobachtenden ausgeklügelten, mit Farb- und Lichterhöhungen arbeitenden Farbauftrag verrät. Das Gemälde zeigt Einwirkungen der Maler von Barbizon – vor allem an Waldlandschaften Jules Duprés wäre zu denken -, die Spitzweg zusammen mit Eduard Schleich 1851 besucht hatte. Unser skizzenhaftes Gemälde steht mit einer ausgeführteren, in der Person des Lesenden veränderten Variante in Zusammenhang (Wichmann 334), die 1853 durch den Kunstverein in Hannover angekauft worden war – auch unsere Skizze dürfte in dieser Zeit entstanden sein.
Peter Prange

Rückseitig Etikett mit handschriftlicher Echtheitsbestätigung von Professor Dr. Hermann Uhde-Bernays, Starnberg, vom 1.9.1921.
Die Authentizität der vorliegenden Arbeit wurde von Detlef Rosenberger am 25.2.2022 bestätigt.