August Macke

Woman and child on the garden wall

Details

Vriesen 402; Heiderich 468.

Ausstellung:
August Macke. Zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Galerie von der Heyde, Berlin 1934, Nr. 23, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett und rot gestempelter Nr. “23” (bei Heiderich abweichend: Nr. 25);
August Macke, Kunstverein Hamburg, 1935;
August Macke, Kestnergesellschaft Hannover, 1935, Nr. 40, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett;
Ausstellung Ulmer Museum, 1974, S. 74, mit s/w Abb.;
August Macke: Blickfänge in und um sein Bonner Haus, August Macke Haus, Bonn 2001, Nr. 40, Abb. S. 155.

Provenienz:
Nachlass des Künstlers, verso zweifach mit dem Stempel auf Keilrahmen und Doublierungsleinwand (Lugt 1775b) sowie der handschriftlichen Nachlassnummer “346” (wohl von Wolfgang Macke);
Lempertz, Köln 31.5.1960, Los 237;
Weinmüller, München 5.11.1965, Los 177;
Privatsammlung, Baden-Württemberg, im Erbgang an die heutigen Besitzer.

Description

Verso auf dem Keilrahmen wohl von Wolfgang Macke handschriftlich betitelt und bezeichnet sowie mit anderen diversen Nummerierungen.

Eine Frau hält zärtlich ein Kleinkind im Arm. Alleine stehen die beiden vor einer breiten Backsteinmauer, über die ein dichter Blätterwald ragt. Macke malt dieses Gemälde 1913, wenige Monate nach der Geburt seines zweiten Sohnes Wolfgang. Doch warum setzt er die beiden vor diese grünorangene Farbwand? Macke will in seinem reifen Werk durch Farbe Licht und Lebendigkeit ausdrücken. Er trägt sie in breiten, flächigen Formen auf, steigert so ihren Eigenwert und begrenzt sie wechselseitig: Hier stößt die große, grüne Fläche der Vegetation auf die orangefarbene Mauer.

Elisabeth Erdmann-Macke schreibt über die reifen Werke ihres Mannes: “Selbst in einer gleichmäßigen, sagen wir grünen Fläche, darf keine tote Stelle sein, die Farbe muss arbeiten, vibrieren, leben.” So malt Macke in der vorliegenden Arbeit das dichte Grün der Vegetation in vielen Nuancen, von fast Schwarz bis zum hellen Lindgrün, und lässt die Leinwand durchblitzen. Er setzt verschiedene Pinselstriche ein, mal kurz, mal breit, parallel zueinander oder wellenförmig. Es entsteht eine bewegte, lebendige Farbfläche. “Augusts ganzes Streben ging darauf hinaus, die reinen Farbtöne in einem Bild so zu nuancieren und in Einklang zu bringen, dass trotz der notwendigen Kontraste ebenso eine große Harmonie und Bildeinheit zustande kam.” Auch hier setzt Macke die orangefarbene Wand nicht gegen die Komplementärfarbe Blau ab – diese findet sich nur in der Schürze der Frau. Stattdessen wählte er ein nuancenreiches Grün als farblichen Gegenpol zur Mauer und schafft so einen klaren, aber weniger harten, Kontrast mit größtmöglicher Ausgeglichenheit. Schon in seinem “Farbenkreis II” aus dem gleichen Jahr platziert Macke die Simultankontraste Grün/Orange nebeneinander in einer Ordnung, die alles Unruhige in ihrer ausgewogenen Spannung absorbiert. Frau und Kind werden so eingebettet in einer farblichen Harmonie, die ihre Bindung spiegelt. Annegret Hoberg spricht vom großen Zauber in Mackes Kunst, zu finden im “Gleiten zwischen Augenlust und stillem Versenken, dass sich jetzt mehr noch als in den Jahren zuvor in der ruhigen Welt seiner müßigen Figuren entfaltet”. (in: August Macke – Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2014, S. 258).

Die größeren Bilder – und das Vorliegende ist eine besonders großformatige Arbeit – seiner letzten Schaffensjahre entstehen durch einen Prozess der Transformation nach vorangegangenen, zum Teil lange vorher entstandenen Zeichnungen. So findet sich die erste Bildidee zur Darstellung einer Frau mit Kind vor der Gartenmauer bereits in einem Skizzenbuch, das Macke im Sommer und Herbst 1910 in Tegernsee benutzte. Mackes Gemälde entstehen also nicht nur aus der unmittelbaren Anschauung, sondern aus einer Synthese seiner Farbstudien und Situationsskizzen. Das vorliegende Werk bildet ein wunderbares Beispiel dieses Zusammenspiels.