Details

Schiefler 102 D; Woll 204 III 2 (von IV 3).

Provenienz:
Laube Antiquariat, Zürich;
Klipstein & Kornfeld, Bern, 27.11.1959, Los 469, mit Abb. Tafel 3;
Privatsammlung, Caracas;
Privatsammlung, Bayern, durch Erbfolge an den jetzigen Besitzer.

Description

“Die Menschen müssten hier das Heilige, das Mächtige sehen (…) – Ich möchte eine ganze Reihe solcher Bilder schaffen. Keine Interieurs sollen mehr gemalt werden, keine Menschen, die lesen, keine Frauen, die stricken. Es müssten lebende Menschen sein, die atmen und fühlen, leiden und lieben.” Edvard Munch, Paris/Saint-Cloud, 1989/90.

Munch wird während seines ersten dreijährigen Paris-Aufenthaltes 1889-1892 anfänglich noch vom impressionistischen und pointillistischen Stil beeinflusst, wendet sich jedoch zunehmend dem Symbolismus zu. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die überraschende Nachricht vom Tod des Vaters, die ihn, mit manisch-depressivem und insgesamt instabilem Charakter, fern der Heimat erreichte und in tiefe Einsamkeit und Melancholie stürzt. In den folgenden Jahren entstehen seine weltberühmten Gemälde “Melancholie” (1892), “Verzweiflung” (1892) und “Der Schrei” (1893), die mit starker Stilisierung und Vereinfachung des Motivs intensive Gemütsstimmungen darstellen. Munchs Hauptinteresse gilt nun nicht mehr der naturalistischen Wiedergabe der Natur, die das Auge vor sich sieht, sondern der Verbildlichung von Gefühlen und dem inneren Seelenleben.

“Der Kuss” ist eines der bekanntesten und wichtigsten Motive im künstlerischen Œuvre von Edvard Munch. Anhand dieses Motivs zeigt sich fast schon exemplarisch Munchs endgültige Abkehr von Impressionismus und Naturalismus hin zum Symbolismus. Bereits 1888 taucht es erstmals im Zusammenhang mit dem Lebensfries auf, der sich mit den verschiedenen Lebensstufen und insbesondere der Beziehung zwischen Mann und Frau beschäftigt. Es folgen zahlreiche Gemälde und Holzschnitte, die zwischen 1892 und 1906 entstehen. Munch variiert die Darstellung eines innig umschlungenen und sich küssenden Paares auf vielfältige Weise. Während auf den Gemälden das Paar vor einem Fenster in einem realen Raum positioniert ist, deutet Munch bereits in den ersten drei Holzschnitt-Versionen, die 1897/98 entstehen, die Ausarbeitung der Personen und des sie umgebenden Raumes nur noch vage an. In der letzten Version “Der Kuss IV” aus dem Jahr 1902 verzichtet er dann komplett auf jede detaillierte Bearbeitung der Dargestellten und der Raumzuordnung. Stattdessen ist das zu einer einzigen Einheit verschmolzene Paar als dunkle Silhouette vor einem gänzlich reduzierten grauen Hintergrund platziert, der lediglich durch die lebendige Holzmaserung des Druckstocks strukturiert ist. Die Binnenzeichnung der Figuren ist so weit reduziert, dass lediglich Arme und Hände zu unterscheiden sind, die hellen, auslassend gedruckten Gesichter verschmelzen zu einer einzigen, gänzlich unkonturierten Form. Das zu einer Einheit gewordene Liebespaar ist somit völlig Zeit und Raum enthoben.

Der Kuss stellt eine der wichtigsten Gesten der Menschheit dar, die in verschiedenen Formen in fast allen Kulturen und Religionen zu finden ist. Weder aus sozialen Gepflogenheiten noch aus gesellschaftlichen Konventionen ist der Kuss wegzudenken. Sei es als Begrüßungs- und Abschiedsritual, als Friedenskuss oder verräterischem Judaskuss, als rechtlich verbindlicher Verlobungskuss im Mittelalter, dem sozialistischen Bruderkuss im 20. Jahrhundert oder dem Zeichen romantischer Liebe. Durch die Jahrtausende hinweg ist der Kuss eines der Hauptthemen von Literatur, Malerei und Bildhauerei. Das Zeichen tiefer zwischenmenschlicher Verbundenheit findet sich bereits in den Werken der antiken Dichter Homer und Catull oder – mit tragischem Ende – bei Shakespeares “Romeo und Julia” und Goethes “Werther”. Dabei schwingt stets auch die tragische Ambivalenz zwischen dem im Moment des Kusses empfundenen großen Glücks tiefster Verbundenheit und dem bevorstehenden Schmerz des unweigerlich folgenden Abschieds mit. Zahlreiche Kuss-Darstellungen zählen heute zu den Ikonen der europäischen Kunstgeschichte, so beispielsweise die berühmten Werke von Francesco Hayez, August Rodin, Edvard Munch, Peter Behrens und Gustav Klimt.

Francesco Hayez verwendet den Kuss in seinem Gemälde von 1859 als politische Allegorie, die sich den zeitgenössischen Betrachtern sofort erschloss: Über die scheinbar rein private romantische Szene hinaus, die eine idealisierte Darstellung eines Paares in historisierenden Gewändern zeigt, stellt diese Kussszene die Verbündeten des Königreiches Sardinien und Frankreichs im Sardinischen Krieg gegen Österreich dar, in deren Folge 1861 das Königreich Italien entstand.

Um 1900 steht nicht mehr die naturalistische oder allegorische Darstellung im Vordergrund, sondern die symbolistische Überhöhung des Motivs des sich küssenden Paares. Edvard Munch entwickelt in seinen zahlreichen Kuss-Darstellungen durch eine nahezu vollständige Auflösung der Konturen eine Aufhebung der körperlichen Distanz und zeigt damit die starke emotionale Zusammengehörigkeit der beiden Partner. Zwar behält Peter Behrens in seinem berühmten Holzschnitt eine klare Konturierung der Gesichter bei, doch verwebt er die Haarsträhnen beider in feinster Jugendstilmanier. Gustav Klimt steigert diese Konturenauflösung der Körper dann mit einer überbordenden Ornamentik zu einem Emblem der romantischen Liebe, die in einer goldenen Aura der Welt entrückt zu sein scheint.