Jean Baptiste Ham (zugeschrieben)

The event

Details

Provenienz:
Peet van der Stad, Haarlem (von diesem in den 1920er Jahren im Pariser Kunsthandel erworben);
Alex Johan van der Stad (ehem. Generalkonsul der Niederlande in London).

Descrizione

Expert’s Choice

Das Ereignis.
Manchmal tauchen kleine Bilder auf, die groß sind – das kleine Gemälde, das dem aus Middelbourg stammenden Jean Baptiste Ham zugeschrieben wird, ist ein solches Werk. Wie der Maler auf kleinem Raum große Figuren schafft, ist mutig, sogar kühn und radikal. Sein Gemälde zeigt eine eng beieinander stehende Gruppe von acht Personen, von denen teilweise nur ihre Köpfe sichtbar sind – und sie wenden sich von uns ab. Der Maler stellt eine Gruppe von Rückenfiguren vor eine dunkle Folie, einzig der Vordergrund ist als Standbühne skizzenhaft definiert. Dicht gedrängt stehen die Figuren, überschneiden einander und sind so in den Bildraum gespannt, dass oben sogar teilweise ihre Köpfe angeschnitten sind. Man könnte eine nachträgliche Beschneidung vermuten, doch die Rückseite, die zu den Rändern gleichmäßig abgefast ist, belegt, dass die Fragmentierung zur ursprünglichen Intention des Künstlers gehört. In der gedrängten Ausschnitthaftigkeit schafft er ein spannungsvolles Gefüge, das in dieser Forciertheit für das ausgehende 18. Jahrhundert ungewöhnlich ist.
Die Gruppe ist noch in Bewegung, gerade erst zusammengekommen, die sichtbaren Füße sind noch im Schritt begriffen. Von rechts ist eine elegante Dame mit Hut gekommen, ganz in Grau gekleidet, die der mit Eimer ebenfalls herbei geeilten Magd an die Schulter fasst. Ganz in Grau gekleidet und das farbliche Pendent zur Dame ist auch der Herr links, der im Begriff ist, seinen Umhang abzulegen. Sie bilden gleichsam die farbliche Klammer und sind als höhergestelltes Paar zu erkennen – möglicherweise die Hausherren. Zwischen ihnen bilden der Knecht mit rotbrauner Hose, rosa Wams und blauer Mütze sowie die Magd mit weißen Kopftuch, gelber Jacke und violettem Rock einen starken Farbakzent, der die Aufmerksamkeit des Betrachters fesselt. In der kleinen Gruppe ist eine gewisse Unruhe, sogar gespannte Erwartung spürbar – doch was sehen sie, was beobachten sie? Was hat sie zusammengeführt? Dem Betrachter wird eine Antwort auf diese Frage verwehrt – er sieht die Gruppe nur von hinten, was sich vor der Gruppe abspielt, bleibt ein Rätsel. Ein weiteres Geheimnis verbirgt sich links am Rand: Dort tritt, sich kaum vom schwarzen Grund abhebend und vom Rand überschnitten, ganz in Schwarz gekleidet, eine weitere Person ins Bild, die eine blaue Maske trägt – oder ist es doch eine Gugel, die Maske des Henkers? Werden die herbei geeilten Personen Zeugen einer Hinrichtung – wir wissen es nicht und werden es als Betrachter nie erfahren. Der Betrachter bleibt von dem Ereignis ausgeschlossen, doch macht gerade diese Ungewissheit über das Geschehen das Gemälde so überaus reizvoll. Es versetzt den Betrachter gleichermaßen in Unruhe, dessen Fantasie und Vorstellungskraft es überlassen bleibt, die Geschichte des Gemäldes zu erzählen.
Auf der Rückseite des kleinen Gemäldes befindet sich der spätere, handschriftliche Vermerk “Ham”, was sich auf den 1771 im belgischen Middelbourg geborenen Maler Jean Baptiste Ham beziehen lässt. Über Hams Lebensweg und Werk ist zu wenig bekannt, als dass man ihm unser kleines Gemälde mit letzter Sicherheit zuweisen könnte, doch scheint er mit der Kunst des nur zehn Jahre älteren französischen Genremalers Louis-Léopold Boilly (1761-1845) in Berührung gekommen zu sein, der besonders in seinen Genregemälden und seinen berühmten Karikaturen zu ähnlich gedrängten Kompositionen von Menschenansammlungen gekommen ist. Ham war nach dem Besuch der Akademie in Middelbourg auch an der Akademie in Lüttich im französischsprachigen Wallonien, das seit 1795 zur französischen Republik gehörte. Diese Verbindung macht den Einfluss Boillys auf Hams Stil und Bildgestaltung nachvollziehbar, doch sind sicher weitere Recherchen nötig, um Ham als Maler genauer verorten zu können. Unabhängig von der Zuschreibung bleibt unser kleines Gemälde aber ein faszinierender Fund, der einen ungewöhnlichen Blick in die Lebenswelten des ausgehenden 18. Jahrhunderts gewährt.
Peter Prange