Auktion 282 | 06.06.2018 11:00 Uhr | Moderne Kunst

Marcel Duchamp | La Boîte verte: La mariée mise à nu par ses célibataires, même

Marcel Duchamp: La Boîte verte: La mariée mise à nu par ses célibataires, même

Los 570

  • Ergebnis:  18.800*
  • Auktionsinfo

    6. Juni 2018
    Moderne Kunst

    LOVIS CORINTH
    Tulpen, Flieder und Kalla, 1915.
    Öl auf Leinwand. Ca. 63 x 50 cm.
    Ergebnis (inkl. Aufgeld): € 337.500

     

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Marcel Duchamp

1987 Blainville-Crevon – Neuilly-sur-Seine 1968

La Boîte verte: La mariée mise à nu par ses célibataires, même

Die Grüne Schachtel: Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar.
Mappenwerk mit 94 Faksimiles nach Fotografien, Zeichnungen und Manuskriptnotizen. (1934). Ca. 33,5 x 28,5 x 22,5 cm. Eines von 300 nummerierten Exemplaren. In mit grünem Velour bezogener O.-Kartonschachtel. Schachtelvorderseite mit dem Titel, auf dem Rücken mit dem Namen des Künstlers, auf der Innenseite des Schachtelrückens typographisch bezeichnet. Edition Rrose Sélavy, Paris 1934.

Details

Schwarz II 435.

Ausstellung: Schachteln, Schriften, Graphik, Objekte, Dokumente, Bücher von und über: Marcel Duchamp. Rrose Sélavy, Museum Schloss Moritzburg Kavaliershaus, 1992, Kat.-Nr. 11.

Provenienz: Drouot-Richelieu, Paris 14.5.1990, Los 99;
Privatsammlung, Berlin.

Beschreibung

Eines der erstaunlichsten Werke, innerhalb des an erstaunlichen Werken reichen Gesamtwerkes von Marcel Duchamp, ist die sogenannte Grüne Schachtel. Duchamp veröffentlichte darin 94 Faksimiles von Zeichnungen, Fotografien und Notizen aus den Jahren von 1911 bis 1915. Die Schachtel ist mit grünem Velourspapier bezogen, daher der verkürzte Name Grüne Schachtel (oder Green Box oder Boîte verte). Der vollständige Titel lautet: „LA MARIEE MISE A NU PAR SES CELIBATAIRES MEME“. Die Schachtel trägt somit den gleichen Titel wie eines seiner Hauptwerke, das sog. Große Glas. In dem Großen Glas hatte Duchamp viele seiner Ideen vereint, in der Absicht, die Kunst wieder in den Dienst des Geistes (der grauen Materie) zu stellen, jenseits einer Kunst, die sich vorrangig an die Netzhaut richtet. An dem Großen Glas hatte Duchamp 1915-1923 gearbeitet, bis er es als endgültig unvollendet erklärte. Die Grüne Schachtel kann als Kommentar zum Großen Glas verstanden werden. Ursprünglich hatte Duchamp geplant, ein Buch herauszugeben, das sein Großes Glas erläutern sollte. „Ich wollte … ein Buch hinzufügen, oder vielmehr einen Katalog im Stil von ‚Armes et Cycles des Saint Étienne‘, in welchem jede Einzelheit erklärt, katalogisiert worden wäre.“ Er verwarf diese Idee aber zugunsten einer losen Sammlung von Zetteln mit Notizen, Entwurfszeichnungen und Reproduktionen von Werken, die Details aus dem Großen Glas abbilden. In den Notizen finden sich aber keine Interpretationen oder Erklärungen zum Großen Glas, sondern die oft flüchtig notierten Skizzen und Ideen, die im Großen Glas realisiert oder zum Teil auch nicht ausgeführt wurden. Erstaunlich ist die überaus sorgfältige Herstellungsweise der Faksimiles. Duchamp bemühte sich, jede einzelne Notiz mit dem identischen Papier, der gleichen Farbe und Form wie die Originale zu reproduzieren. Er benutzte dazu ein aufwendiges Verfahren mit Lichtdruck mit Pochoir-Kolorierung und vermischte so die Grenzen zwischen Original und Reproduktion. „Zwölf Jahre, nachdem ich mein Großes Glas vollendet oder vielmehr zum alten Eisen geworfen habe, habe ich meine Arbeitsnotizen wiedergefunden, aufs Geratewohl auf etwa 100 Zettel geschmiert. Ich wollte sie so exakt wie möglich wiedergeben. Ich habe also alle diese Gedanken in derselben Tinte wie im Original lithographieren lassen. Um die Papiere von absolut gleicher Qualität zu finden, musste ich in den unwahrscheinlichsten Ecken von Paris herumstöbern. Anschließend mussten 300 Exemplare aus jeder Lithographie unter Zuhilfenahme von Zinkschablonen ausgeschnitten werden, die ich entsprechend dem Umriss der Originale zugeschnitten hatte. Es war eine Menge Arbeit, und ich musste dafür meine Concierge einstellen (…).“ Die Notizen sind handschriftlich, französisch wiedergegeben, die Handschrift ist oft nur schwer lesbar. Sie wirken ähnlich rätselhaft wie das Große Glas selbst. Ihre überaus sorgfältige Herstellung, mit der die Wiedergabe von allen Unterstreichungen, Überschreibungen, Ausstreichungen, unvollständigen Sätzen, Tintenklecksen, Flecken usw. ausgeführt wurde, einhergehend mit den genauen Kopien von Vorder- und Rückseiten, Faltungen, Zusammenheftungen unter Verwendung von unterschiedlichen Papieren, Formaten und Farben verleihen ihnen einen besonderen visuellen und taktilen Reiz. Die 77 handschriftlichen Notizen der Grünen Schachtel widmen sich Fragen der Perspektive, der nichteuklidischen Geometrie, der Renaissance, der Erotik, der Ironie, des Humors etc. Sie stehen in direkter Beziehung zum Großen Glas. Es lassen sich in ihnen Einflüsse u.a. von Stéphane Mallarmé, Raymond Roussel oder Leonardo da Vinci finden. Außerdem befinden sich in der Schachtel 17 Reproduktionen von Duchamp-Werken, z. B. der Kaffeemühle, der Schokoladenreibe, des Großen Glases, der Staubzucht (einer Fotografie von Man Ray) oder der Partitur einer Komposition von Duchamp aus dem Jahr 1913. Als Besonderheit ist diesem Exemplar ein von Duchamp handschriftlich adressierter Umschlag (an Mrs. Jay C. Guggenheimer) beigelegt. In dem Umschlag befindet sich das Subskriptionsformular für die Grüne Schachtel mit einer Musternotiz (Le Broyeuse de Chocolat …). Mit der Herausgabe seiner Schachteln etablierte Duchamp eine neue Ausdrucksform. Die Grüne Schachtel ist ein frühes Beispiel eines interaktiven Kunstwerkes. Die Ordnung der Zettel ist zufällig und keiner Hierarchie unterworfen, sie erlaubt dem Leser, eine eigene Ordnung herzustellen. Der Leser / Betrachter wird vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer am kreativen Prozess. Das erklärt auch, warum die Schachteln von Duchamp zum Vorbild für die Boxen der Fluxus-Künstler wurden. Dieses teilhabende Verhältnis von Künstler und Betrachter am Werk wird von vielen Künstlern bis in die Gegenwart angestrebt. Duchamp hat seine Grüne Schachtel selbst verlegt, in einer Auflage von 300 regulären Expl. + 20 Expl. einer Luxusausgabe. Die ersten Exemplare erschienen 1934. Als Verleger wurde Edition Rrose Sélavy, 18, rue de la Paix, Paris aufgelistet, die Adresse einer amerikanischen Bank, die kurz darauf geschlossen wurde. Beiliegt: Ein französischsprachiger Subskriptions-Bestellschein für „La Boîte verte“ inklusive eines Faksimile-Musters, in einem von Duchamp handschriftlich bezeichneten Briefumschlag, adressiert an Mrs. Jay C. Guggenheimer, New York, Absender: Duchamp, Paris. – Mit leichten Knickspuren und Griffknicken, vereinzelte minimale Papiereinrisschen, teils Blattmontierungen altersbedingt gelöst (2), Schachtel geblichen und mit deutlichen Gebrauch- und Altersspuren, Kanten und Ecken bestoßen, ansonsten in guter Erhaltung. In passender Acrylglas-Box zur Aufbewahrung. Fußnoten: Duchamp im Gespräch mit A. Jouffroy (1961), zitiert nach G. Graulich in Katalog: Marcel Duchamp. Die Schweriner Sammlung, Schwerin 2003, S. 104, Fußnote 1 Sanouillet, Michel, Dans l’Atelier de Marcel Duchamp, in Nouvelles Littéraires, Nr. 1424, 16. 12. 1954, S. 5, hier zitiert nach: Daniels, Dieter, Duchamp und die anderen, Köln 1992, S. 105 Tomkins, Calvin, Duchamp, New York 1996, S. 297 Text: Michael Behn

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