Auktion 289 | 05.06.2019 16:00 Uhr | Moderne Kunst

Ernst Wilhelm Nay | „Blauklang“

Ernst Wilhelm Nay: „Blauklang“

Los 548 – Highlight

  • Ergebnis:  325.000*

Ernst Wilhelm Nay

1902 Berlin – Köln 1968

„Blauklang“

Öl auf Leinwand. (19)53. Ca. 100 x 120 cm. Signiert und datiert unten rechts. Verso auf dem Keilrahmen nochmals signiert und datiert sowie betitelt. Leinwand verso mit verworfener und vom Künstler übermalter Komposition.

Details

Scheibler 665.

Ausstellung: Ruhrfestspiele: Zeugnisse Europäischer Gemeinsamkeit, Städtische Kunsthalle, Recklinghausen 1954, Kat.-Nr. 142;
Deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts, Augustinermuseum, Freiburg im Breisgau 1965, Kat.-Nr. 95;
paint it blue. ACT art collection Siegfried Loch, Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen 2007, farb. Abb. S. 17; Highlights. Internationale Kunstmesse München, Galerie Schlichtenmaier.

Provenienz: Galerie Günter Franke, München, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett;
Privatbesitz, Süddeutschland;
Christie’s, London 30.6.1988, Los 553;
Sammlung Siegfried Loch (ACT Art Collection, Jersey, bzw. Siggi & Sissy Loch Stiftung, Berlin);
Christie’s, London 27.6.2012, Los 58;
Galerie Schlichtenmaier, dort im Oktober 2012 von Nachfolgendem erworben;
Privatsammlung, Bayern.

Beschreibung

Der „Blauklang“ zählt sowohl formal als auch inhaltlich zu einem der schönsten Werke aus der Reihe der „Rhythmischen Bilder“, die Nay in den Jahren 1952 und 1953 malt. Die harmonische Ausgewogenheit der zahlreichen Blautöne, mit leichten Auflockerungen in hellem Türkis, wird lebhaft unterbrochen von leuchtend roten Akzenten und rhythmisch gesetzten schwarzen Linien. Die neue Dynamik und Frische, die von diesen „Rhythmischen Bildern“ ausgeht, steht in deutlichem Kontrast zu Nays vorherigen Werken. Selbst die erst 1951 entstandenen Gemälde wirken dagegen trotz ihrer vitalen Farbigkeit eher statisch, ja fast behäbig. Besonders offensichtlich zeigt sich die Veränderung in den Konturen der nun nicht mehr klar begrenzten Farbflächen. Diese bleiben weitgehend offen und bilden zahlreiche ausgefranste Spitzen und Zacken. Deutlich erkennbar sind die Parallelen zur Holzschnitttechnik, die Nay bestens vertraut ist und deren Charakteristika er in das Medium der Malerei überträgt. Die Veränderungen in Nays künstlerischem Schaffen sind verbunden mit seinem persönlichen Lebensweg und konkreten Erlebnissen. So zieht der Künstler im Herbst 1951 von Hofheim im Taunus nach Köln und findet hier, in der noch immer von deutlichen Kriegsschäden gezeichneten rheinischen Metropole, eine überaus inspirierende Aufbruchstimmung vor. Nay besucht zahlreiche Konzerte und lernt neben den Klassikern der Modernen Musik von Schönberg, Webern, Bartok, Strawinsky und Hindemith auch die musikalische Avantgarde und den Jazz kennen. Köln wird zu dieser Zeit zum Zentrum der „Neuen Musik“ mit Komponisten und Musikern wie Karlheinz Stockhausen, Herbert Eimert, Pierre Boulez und Luigi Nono. In dem 1951 vom WDR neu gegründeten „Studio für elektronische Musik“ wird in jenen Jahren Musikgeschichte geschrieben. Nay verkehrt in diesem künstlerisch äußerst fruchtbaren Umfeld und wird maßgeblich von der Musik inspiriert. Dies schlägt sich auch in den Titeln seiner Gemälde nieder, für die er vermehrt musikalisches Vokabular wie Rhythmus, Klang, Vibrato, Synkopen, Takt oder Kontrapunkt verwendet. In dieser Zeit gelingt Nay der entscheidende künstlerische Durchbruch und er findet nicht nur in Deutschland, sondern auch international Anerkennung. 1952 wird in Berlin anlässlich seines 50. Geburtstages eine umfangreiche Retrospektivausstellung gezeigt, in Darmstadt erhält er den Karl Ströher-Preis. Im Herbst 1953 wird der Künstler zu einer Gastdozentur an die Landeskunstschule Hamburg eingeladen. Erste Reisen ins nahe europäische Ausland bestätigen Nay in seinem künstlerischen Weg und „öffnen ihm den Blick für eine sich nach dem Krieg neu entfaltende europäische Kultur“ (Elisabeth Nay-Scheibler, in: WVZ Bd. II, S. 6). 1955, nur zwei Jahre nach der Realisierung des Gemäldes „Blauklang“, findet bei den Kleemann Galleries in New York Nays erste Einzelausstellung in den USA statt. Im selben Jahr nimmt er an der ersten documenta in Kassel teil. 1956 wird Nay mit der Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig beauftragt. Als der Jazz-Musikproduzent und Kunstliebhaber Siggi Loch vor über dreißig Jahren das Gemälde „Blauklang“ erwirbt, ahnt er vielleicht bereits, dass es für ihn zu einer tiefen Inspirationsquelle werden könnte. Das Gemälde ist zwar nicht seine erste Erwerbung, aber es wird zum Grundstein seiner hochkarätigen Sammlung moderner Kunst und vor allem zum Auslöser für die Entscheidung, die Sammlung thematisch ausschließlich der Farbe Blau zu widmen. Bereits der von Nay gewählte Titel „Blauklang“ verweist auf die tiefen synästhetischen Beziehungen zwischen Kunst und Musik. Über die englische Übersetzung „bluesounds“ ist es dann nicht weit zum Blues und von dort zum Jazz, der Siggi Loch bereits seit seiner Jugend begeistert. Etwa zur selben Zeit wie Ernst Wilhelm Nay entdeckt auch Loch Anfang/Mitte der 1950er Jahre den Jazz und macht ihn zu seinem Beruf. Und so wie sich der Maler Nay von der Musik zu zahlreichen Gemälden inspirieren ließ, so funktioniert es auch in umgekehrter Richtung. 2007 produziert Loch mit dem Komponisten Vince Mendoza ein Jazz-Album, inspiriert von Nays Gemäldetitel „Blauklang“. In der Beschreibung des Albums heißt es: „(…) Er lässt uns förmlich eintauchen, ins blaue Meer der Melancholie. Wenn man blue und sounds zusammensetzt, taucht er wieder auf, der Blues. (…) Nay’s abstraktem, auf Farbwirkung setzendem Werk hat sich nun ein ausgesprochener ‚Tonmaler‘ angenommen, Vince Mendoza. Mischungen von Tonfarben und Farbtönen, das Überlagern unterschiedlicher Stimmungen prägen einen Großteil seiner Kompositionen. Mendoza beherrscht das souveräne Spiel mit Licht und Schatten, mit Hellem und Dunklem.“ (www.actmusic.com) Unter dem Titel „Paint it Blue“ widmet das Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen 2007 der außergewöhnlichen Sammlung Loch eine umfassende Ausstellung. 2012 werden in London zahlreiche Werke der Sammlung zugunsten ihrer Stiftung versteigert, neben dem „Blauklang“ auch ein zweites Nay-Gemälde – selbstverständlich blau und mit einem musikalischem Titel: „Crescendo“ von 1963 (vgl. Scheibler 1074). Darüber hinaus umfasste die Auktion erstklassige blaue Arbeiten von Gerhard Richter, Günter Förg, Lucio Fontana, Anish Kapoor, Gotthard Graubner und Emil Schumacher.

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