Rudolf Belling

Organic forms (Striding figure)

Details

Nerdinger 38 (Exemplar dort nicht aufgeführt).
Wir danken Herrn Wolfgang Werner, Nachlassverwalter des Künstlers, Bremen, für die freundichen Hinweise bei der Katalogisierung dieses Werkes.

Ausstellung:
Große Berliner Kunstausstellung, Berlin 1922, Kat.-Nr. 1195 (Gipsmodell).

Provenienz:
Privatsammlung, Bayern, wohl in den 1970er Jahren erworben.

Descrizione

Posthumer Guss aus den 1970er Jahren. Belling präsentierte das Gipsmodell dieser Figur 1922 auf der Großen Berliner Kunstausstellung (Kat.-Nr. 1195). Lediglich 2 Bronze-Exemplare wurden bereits in den 1920er Jahren gegossen, die weiteren Güsse stammen aus den 1950/60er und 1970er Jahren.

Rudolf Belling absolviert eine Lehre als Schlosser und arbeitet zunächst als Former und Modelleur in einem Unternehmen für dekorative Metallarbeiten wie Kleinplastiken und Rahmen in der Art des Jugendstils. Somit ist er von Grund auf vertraut mit allen Techniken der Metallverarbeitung, wie Gießen, Ätzen, Gravieren, Feinpolieren und der Montage. 1908 macht sich Belling mit seinem Arbeitskollegen Emil Kaselow selbstständig und gründet ein Atelier für Kleinplastik, Dekoration und Kunstgewerbe. Es folgt eine enge Zusammenarbeit mit der Theaterbühne Max Reinhardts, für die Belling zahlreiche großformatige plastische Bühnengestaltungen entwirft und ausführt. 1911 wird Professor Peter Breuer auf Belling aufmerksam und nimmt ihn als Meisterschüler an der Kunstakademie Berlin-Charlottenburg auf, wo er ein eigenes Schüleratelier erhält, das er bis 1922 nutzen darf. In den folgenden Jahren setzt sich Belling intensiv mit Traditionen und Theorien der Bildhauerei auseinander, reist nach Belgien, Holland, England und Frankreich und ist an ersten Ausstellungen beteiligt. Im Ersten Weltkrieg kann er als Soldat der Fliegertruppe in Berlin-Adlershof weiterhin in seinem Akademie-Atelier künstlerisch tätig sein. Während dieser Zeit entstehen die ersten expressiv-kubistischen Figuren. Stark beeinflusst wird er von den italienischen Futuristen, den russischen Konstruktivisten sowie der niederländischen De Stijl-Bewegung. 1918 ist Belling Mitbegründer der Künstlervereinigung “Novembergruppe”. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen sowie exklusive Raumausstattungsaufträge in Zusammenarbeit mit namhaften Architekten und anderen Künstlern zeugen davon, wie etabliert Rudolf Belling in der Kunstszene der 1920er Jahre ist. 1931 wird er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, 1935 erhält er einen Lehrauftrag an einer privaten Kunstschule in New York sowie eine Einzelausstellung im Rockefeller Center New York. Im Januar 1937 emigriert er in die Türkei, nachdem er durch Vermittlung des Architekten Hans Poelzig Ende 1936 zum Professor und Leiter der Bildhauerabteilung der Kunstakademie in Istanbul berufen wurde. In Deutschland wird er in den folgenden Jahren als “entarteter Künstler” diffamiert, seine Werke aus dem öffentlichen Raum und aus staatlichen Sammlungen entfernt und vernichtet, einige Hauptwerke auf der NS-Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ verunglimpft. Erst in den 1950er Jahren ist Belling wieder zu regelmäßigen Besuchen in Deutschland, 1955 verleiht ihm Bundespräsident Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz. Die ersten Einzelausstellungen nach dem Krieg in Hagen (1956), Berlin und Düsseldorf (beide 1962) würdigen seine künstlerische Arbeit. 1966 kehrt Belling endgültig zurück und lebt fortan in Krailling bei München.

“In Boccionis ‚Manifesto tecnico della scultura futurista‘ von 1912 und seinen anderen Schriften aus dieser Zeit ist eine der Raumplastik Bellings ähnliche Auffassung bereits zum Programm erhoben: ‚Reißen wir die Figur auf und schließen wir die Umwelt in sie hinein‘. Die ‚Umwelt-Plastik‘ Boccionis ist Gestaltung des futuristischen Grundbegriffs ‚Simultaneïtät‘, d.h. der Durchdringung von Innen- und Außenraum und der Gleichzeitigkeit von ‚absoluter und relativer Bewegung‘. Das von Belling so häufig verwendete Spiralmotiv war für die Futuristen Zeichen des ‚Dynamismus, der alles durchpulst‘, Ausdruck des ‚Wirbels des Lebens, der die Materie spiralförmig aufsteigen läßt‘. (…)

Bellings ‚Organische Formen‘ (…) sind Gestaltung allein der ‚absoluten Bewegung‘ im Raum, der inneren antreibenden Kraft, des mechanischen Herzschlags. Sie sind Simultaneïtät von Mensch und Maschine, von technischer Kraft und organischer Form. Die dynamische Grundform eines schreitenden, fast gepanzerten erscheinenden Mannes mit kugelförmigem Kopf erinnert an Boccionis ‚Forme uniche‘, Belling verwendete jedoch keine Kraftlinien, sondern entwickelte seine eigene Formensprache (…) weiter. Er streifte das Zuckende, Expressive ab, verfestigte die Einzelteile auf geometrische Grundformen und modellierte die ganze Figur in einer großen spiraligen Drehbewegung: Aus einem halbkugelförmigen Sockel, in dem der linke Fuß ganz verschwindet, läuft die Bewegung über das geknickte rechte Bein zur Hüfte und steigt von dort in einer Drehung des ganzen Oberkörpers hinaus zur rechten Schulter und dann in den Kugelkopf. Die Dynamik und Bewegung der Plastik wirkt futuristisch, die harte, strukturierte Gestaltung lässt Momente des Konstruktivismus ahnen: Die Hände sind als werkzeugähnliche Gebilde geformt, die Körperteile auf gratige Röhren reduziert und der Oberkörper geöffnet, so dass das tragende Rippengerüst, dargestellt durch fünf einfache Metallstege, sichtbar wird. Die Roboter des Dadaismus, die Maschinenästhetik der Konstruktivisten und besonders die Dynamik der Futuristen wurden von Belling mit seinem Grundthema der Raumplastik verschmolzen.” (Winfried Nerdinger, Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1918-1923, Berlin 1981, S. 128f. und 134).