Details

Provenienz:
Prinzessin Pilar von Bayern (1891-1987);
Privatbesitz, Süddeutschland.

Descrizione

Klar, auch wir Kunstexperten, die wir Ihre uns anvertrauten Kunstschätze betreuen, haben Vorlieben und Lieblingstücke. Deshalb wollen wir Ihnen künftig in loser Folge Werke vorstellen, die wir für außergewöhnlich halten und die uns begeistern. Dabei muss es sich nicht um “große” Namen handeln, auch nicht um hochpreisige Werke – es sind eher häufig die kleinen “Entdeckungen”, die noch keinen wirklichen Platz im Kanon der Kunstgeschichte gefunden haben.
Den Anfang macht ein kleines Gemälde des belgischen Malers Eugène Joors, dessen Stillleben aus Orangen beim Autor vielfältige Erinnerungen weckt: Die teilweise in einem Korb, die anderen auf einem Tisch liegenden Orangen sind noch von zarten Papieren umwickelt und warten darauf, ausgepackt zu werden. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, als Orangen noch nicht ein jederzeit verfügbares Obst waren; Orangenzeit war gleich Weihnachtszeit und es war immer eine große Freude, die Orangen von ihrem zarten Schutz zu befreien, und darauf zu warten, wie das aufsteigende Aroma ihrer Schalen sich mit dem allgemeinen Duft der Vorweihnachtszeit vermischte. Und dann das Papier glattzustreichen, um zu sehen, woher die Orange kam – zumeist aus exotischen Orten in Spanien oder Italien, die damals noch ferne Welten waren.
Darüber hinaus bewegt den Autor eine brennende kulturhistorische Frage außergewöhnlichen Ausmaßes: Seit wann gibt es Orangenpapiere? Im Jahre 1878 wurde ein Patent für die kleinen Papierchen angemeldet, um die Früchte vor Stößen und Feuchtigkeit sowie gegen Ansteckung durch Fäulnis beim Transport zu schützen; bereits wenig später wurden sie auch als Träger von “Reklame” genutzt. Joors‘ 1886 datiertes Gemälde ist ein frühes bildliches Dokument für die Existenz solcher Papiere – noch ganz ohne Reklame -, die in Manchen schon eine glühende Sammelleidenschaft entfacht haben sollen.
Abgesehen von diesen persönlichen Reminiszenzen greift Joors‘ Stillleben ein altes Thema auf, das tief in der holländischen Malerei des “Goldenen Zeitalters” verankert ist. Doch nichts erinnert mehr an die moralisierende Tendenz dieses Zeitalters, über das Werden und Vergehen allen Irdischens nachzudenken – Stichwort “Vanitas” – diese Orangen sind einfach nur da! Es waren keine Geringereren als Gustave Courbet und Eduard Manet, die dem Stillleben in unscheinbaren Motiven wie z. B. einem Bund Spargel noch einmal eine neue Dimension gaben, die von Joors aufgegriffen wurde. Sein Stillleben erinnert auch an ähnliche Werke des in München tätigen, mit Wilhelm Leibl befreundeten Carl Schuch, der während eines frühen Frankreichaufenthalts die Werke der großen Franzosen kennengelernt und später rezipiert hatte. Der Name Schuch ist in unserem Zusammenhang deshalb von Belang, weil Joors wiederholt in München ausgestellt hat, und die Möglichkeit gegenseitiger Kenntnis bzw. Beeinflussung besteht.