Auktion 290 || 06.06.2019

Jörg Immendorff
„Systemklemme (West)“

Aus der Serie: „Grüße von der Nordfront“.

Ein von starker Hand geführter Drumstick dringt am oberen Rand kraftvoll in die Bildfläche ein, auf dem Weg zum bildbeherrschenden Schlagzeug in der Mitte. Zwischen die Teller geklemmt, mit schwarzem Gefieder, ist der Adler, das Wappentier der Bundesrepublik. Rechts unten sitzen zwei kleine Figuren, Rücken an Rücken, und trommeln, was das Zeug hält. Die Arme hoch erhoben, schlagen sie heftig auf ihre Schlagzeuge ein. Seine malerische Entsprechung findet der Trommelwirbel im heftigen Pinselstrich, der wild über die Leinwand tobt. Am unteren Rand ist das Thema der Komposition in kapitalen Lettern agitatorisch formuliert: STOCKHIEB SYSTEMKLEMMME WEST.

Seit Jörg Immendorffs Treffen mit A.R. Penck 1976 in Dresden tauchen Schlagzeug und Drumstick im Werk des Malers auf. Immendorff lernt Penck bei diesem Besuch als einen passionierten Schlagzeuger kennen, der das laute Trommeln und Schlagen als einen Akt seiner persönlichen Befreiung praktiziert. Im Zuge ihrer Begegnung bilden die beiden Künstler ein Aktionsbündnis, für das sie das Anliegen formulieren, die Freude am Malen mit dem Wunsch zu verbinden, die Mauer zu überwinden. Schon vor seinem Besuch war Immendorffs erklärtes künstlerisches Ziel die Überwindung der Teilung Deutschlands. Je eine Hälfte von Kommunismus und Kapitalismus dominiert, sieht er beide Teile von schmerzhaften Zwängen beherrscht, von denen es das Land zu befreien gilt.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema kulminiert 1982 in Immendorffs Beitrag für die documenta 7. Hierfür schafft er als Symbol für Mauer und Teilung die monumentale Skulptur „Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“. Auf dem Dach sitzen trommelnd und schlagend die Freunde Immendorff und Penck. Die Skulptur zählt heute zur Sammlung des Ludwig Forums in Aachen und war bis Januar 2019 in der großen Retrospektive des Künstlers im Haus der Kunst in München zu sehen. In direktem Zusammenhang mit dieser Skulptur steht die Erfindung der „Systemklemme“. In dieser Bildfindung haut der Maler mit seinem Werkzeug, dem Pinsel, die Trommel zur Überwindung der Situation oder er liegt zwischen die Teller geklemmt. Im Katalog zur von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung im Kunsthaus Zürich heißt es bereits 1983, die Systemklemme sei eines der genialsten und in seiner Ambivalenz am weitesten zu differenzierenden Bildelemente Immendorffs. Die vorliegende Arbeit entstand 1981 und darf als ein Schlüsselwerk angesehen werden, es ist eine frühe Formulierung der „Systemklemme“.

Heute, 30 Jahre nachdem die politische Teilung tatsächlich überwunden wurde, kann man dem Werk den Status eines Historiengemäldes im klassischen Sinne zusprechen. In ihrem Selbstverständnis waren Penck und Immendorff nie etwas anderes, ihre Themen fanden sie in ihrem Land, malend Zeitgeschichte dokumentierend und späteren Generationen Zeugnis gebend, als längst das Ende der Malerei ausgerufen worden war und dies als schlichtweg unmöglich galt.

Jörg Immendorff
1945 Bleckede bei Lüneburg - Düsseldorf 2007
„Systemklemme (West)“

Öl auf Leinwand. (19)81. Ca. 138 x 106 cm.
Signiert und datiert rechte Bildkante unten.