Auktion 288 || 10.05.2019

Christian Friedrich Gille
Goldregen

EXPERT’S CHOICE | Eine wieder aufgetauchte Ölstudie aus der berühmten Sammlung des Gille-Entdeckers Johann Friedrich Lahmann

Eine solche Leichtigkeit und Spontaneität im Malerischen, dieses austarierte Gleichgewicht zwischen Studie und Skizze erwartet man in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts von Größen wie Carl Blechen oder Adolph Menzel – indes stammt unser kleines Gemälde von dem Dresdner Christian Friedrich Gille. Er ist in den letzten Jahren mit seinen Wiesen- und Waldstücken zunehmend in den Fokus des Kunstmarktes geraten, doch kaum zuvor hat man von ihm eine Studie von solch bezwingender Selbstverständlichkeit gesehen. Gille macht einen Goldregen zum Gegenstand seiner Betrachtung, die vollen Blüten hängen nicht sondern scheinen vor der braunfarbigen Grundierung zu schweben – ein bewusstes Stilmittel, um den Eindruck eines alles umfassenden Farbklanges zu schaffen, vor dem sich die Blüten haptisch abzuheben scheinen. Gille, noch berührt von den großen Dresdner Romantikern Friedrich und Dahl, führt ihren Subjektivismus weiter, doch löst er sich von deren idealistischer Metaphorik und setzt an deren Stelle das unmittelbare Augenerlebnis. Er macht das Alltägliche zu seinem zentralen Bildmotiv, in der das Betrachten der Natur künstlerischer Selbstzweck wird. Es ist diese im positiven Sinne „Sinnfreiheit“ des Gegenstands, dieses Beachten und Beobachten des kleinen, scheinbar unbedeutenden Motivs, das Gilles Malerei mit Blechen und Menzel verbindet.

Gille vollzieht den Übergang von der Spätromantik zum Realismus und dies geschieht in einer Art von Malerei, die man nach Gilles Wiederentdeckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Recht als „vorimpressionistisch“ bezeichnet hat. Gille war ein Meister des kleinen Formats – er hat hunderte solcher kleinformatigen Ölstudien geschaffen, zumeist auf Papier oder Pappe, die leicht zu transportieren und unverzichtbarer Malgrund der plein-air-Maler waren. Auf der legendären Jahrhundertausstellung Deutscher Kunst 1906 in Berlin hatten die Kuratoren Hugo von Tschudi, Alfred Lichtwark und Julius Meier-Graefe zwei kleine Landschaften Gilles aus der Sammlung des Dresdner Dichters und Sammlers Johann Friedrich Lahmann gezeigt, die Gilles Schaffen in den internationalen Kontext der beginnenden Rezeption des französischen Impressionismus im ausgehenden 19. Jahrhundert stellten.

Der erwähnte, aus Bremen stammende Johann Friedrich Lahmann (1858-1937) gilt zu Recht als Entdecker Gilles; Lahmann, der ein besonderes Gespür für künstlerische Qualität besaß, hatte nach Gilles Tod 1899 einen Großteil des künstlerischen Nachlasses erworben. Etwa 400 Werke von Gille hatte Lahmann so zusammengetragen, denen er in seinem Haus am Weissen Hirschen in Loschwitz oberhalb der Elbe ein neues Heim gegeben hatte. Nach seinem Tod 1937 kamen die meisten dieser Werke bei Rudolph Lepke in Berlin zur Versteigerung – darunter auch unser Goldregen. Erworben hat ihn damals wahrscheinlich Günther Franke aus München, der nach dem Zweiten Weltkrieg der Moderne wieder zu einem Platz in deutschen Museen verhalf, doch während der Nazi-Herrschaft mit Kunst des 19. Jahrhunderts handelte und Ausstellungen organisierte – im September 1938 hatte er z. B. eine Ausstellung mit Werken Gilles aus dem Nachlass Lahmanns veranstaltet.

Christian Friedrich Gille
1805 Ballenstedt/Harz - Wahnsdorf 1899
Goldregen

Öl auf Papier, auf Pappe aufgezogen. (Um 1850). 36,5 x 27,9 cm.

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