Auktion 298 || 14.11.2020

Carl Spitzweg
Der Geologe | Schätzpreis: € 40.000/60.000

Öl auf Karton. (Um 1850). 34,5 x 29 cm. Signiert unten mittig sowie verso und mit dem „S“ im Rhombus.

 

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Wissenschaften. Forscher erkundeten ihre Umwelt, brachen zu Expeditionen in ferne Länder auf, erforschten die Berg- und Meereswelt – kurzum: Es ist das Jahrhundert, in der die Erde endgültig unter den prüfenden Blick der Wissenschaft geriet, Expeditionen ausgewertet und kartiert wurden, so dass am Ende des Jahrhunderts eine Vorstellung vom Inneren der Erde Gestalt annahm, die die Grundlage für unser modernes Verständnis der Umwelt bildet. In dieses Jahrhundert der Wissenschaft ist auch der Maler Carl Spitzweg voll eingetaucht; seine Gemälde bevölkern Naturforscher, Sternengucker und Bücherwürmer, Insekten- und Pflanzenfreunde, und nicht zuletzt auch Geologen oder Steinsammler, die ihre Expeditionen in abgelegene, noch unerforschte Regionen der näheren Umgebung führten. Auf unserem Gemälde kniet der Geologe vor einer Felswand, deren eine Hälfte tief verschattet ist; in der erhobenen Linken hält er prüfend einen Fund, der nun in der umgehängten Tasche verschwinden wird. Seine dunkelbraune Kleidung kontrastiert mit dem lichten Ganzen der Szenerie, einzig das weißblaue Halsband leuchtet heraus. Er ist in sein Tun so vertieft, dass er nicht merkt, dass er beobachtet wird: Erdgeister und Dämonen bilden sich Felsformationen links und rechts im Vordergrund und werfen scharfe Schatten, die die Szenerie in ein lebhaftes Spiel aus Licht und Schatten tauchen. Verhöhnen sie den Forscher, der angesichts seines Fundes als „weltfremder Theoretiker erscheint, dessen Vorstellungen von der Naturwirklichkeit ad absurdum geführt werden“ (Jens Christian Jensen)? Spitzwegs Skepsis gegenüber bornierten Wissenschaftlern findet hier bildliche Gestalt, der selbst allerdings ein Kenner des Bergbaus und an Geologie durchaus interessiert war. Auf zahlreichen Wanderungen hat er immer wieder Höhlen und Bergwerke besucht, und die dargestellte Schlucht, die auch sonst mit ihrem oben hereinbrechenden Licht zu den festen Bildkomponenten seiner Malerei gehört, scheint auf einen solchen Besuch zurückzugehen. Die geologische Formation der steilen Schlucht hat man als Eingang zu einem Schacht des Hohen Peißenbergs bzw. im Peißenberger Glanzkohlenrevier identifiziert. Dies ist nicht unwahrscheinlich, denn Spitzweg hielt sich wiederholt in Peißenberg auf; ein Aufenthalt 1833 hatte sogar die Konsequenz, dass er während einer Kur seine Apotheker-Laufbahn abbrach, um sich fortan ganz der Malerei zu widmen. Zum Glück muss man aus heutiger Sicht sagen, denn uns wäre ein famoser Landschaftsmaler und glänzender Kolorist verloren gegangen. Unser für Spitzwegs Verhältnisse großformatiges Gemälde dürfte das früheste sein in einer ganzen Folge von Gemälden mit forschenden Geologen, dessen bekanntestes sich im von der Heydt-Museum in Wuppertal befindet. Im Gegensatz zu diesem, das ganz wesentlich durch seine Inszenierung des Lichts getragen wird, überzeugt unser Gemälde durch eine Unmittelbarkeit und Spontaneität der Malerei, die skizzenhafte Züge trägt. Sie dürften genauso wie die erdige Farbigkeit auf jene Erfahrungen zurückgehen, die Spitzweg bei einem Aufenthalt zusammen mit Eduard Schleich 1851 in Paris gesammelt hatte, wo sie die Werke der „Schule von Barbizon“ kennengelernt hatten.

Carl Spitzweg
1808 - München - 1885
Der Geologe | Schätzpreis: € 40.000/60.000

Öl auf Karton. (Um 1850). 34,5 x 29 cm. Signiert unten mittig sowie verso und mit dem „S“ im Rhombus.