Auktion 289 || 05.06.2019

Hermann Max Pechstein
Calla-Stillleben im Spiegel

Im Mai 1917 wird Pechstein von der Luftwaffe in Berlin angefordert, um dort zum Bildbeobachter ausgebildet zu werden. Er darf von seiner Wohnung aus in der Offenbacher Straße 8 in Berlin für die Flugzeugindustrie arbeiten, nutzt die Zeit aber vor allem für künstlerische Arbeit. Er ist so produktiv wie nie zuvor: In der zweiten Hälfte des Jahres entstehen rund 130 Gemälde. Unter diesen sind zahlreiche Stillleben mit Blumen. Sie zeichnen sich durch eine starke, expressionistische Farbgebung und eine klare Anordnung separater Gegenstände aus. Verschiedene Objekte in diesen Bildern tauchen immer wieder auf, so auch die doppelstöckige Maske aus Palau (siehe Soika 1917/13) und die diaboloförmige Vase (siehe Soika 1917/20 und 1917/21).

In der vorliegenden Arbeit gibt der formelle Aufbau mit parallel verlaufenden und sich kreuzenden Geraden des Spiegelrahmens, des Tischs und der Decke dem Werk – trotz der unruhigen Fläche des Tuches im Vordergrund und der Blumenpracht – eine klare Struktur. Der Großteil der Darstellung wird in einem großen Spiegel wiedergegeben: Wir sehen also hauptsächlich die Spiegelung und nicht die realen Gegenstände. Der Spiegel, Symbol der Vanitas und somit der Vergänglichkeit des Lebens, ist dabei sicherlich nicht zufällig gewählt. Der Mensch hat keine Gewalt über das Leben: Diese jüdisch-christliche Vorstellung der Vanitas hat Pechstein 1916 an der Front in Flandern selber erfahren. Gleichzeitig gilt die Calla-Blume als Symbol für das ewige Leben. Diese elegante, langstielige Blüte taucht immer wieder in den Werken aus den Kriegsjahren auf. Pechstein schafft hier wortwörtlich eine Reflexion der Schönheit und Vergänglichkeit. In einer Zeit des Kriegs und der materiellen Entbehrung stellt Pechstein hier ein üppiges und tiefsinniges Stillleben in strahlenden Farben dar.

Hermann Max Pechstein
1881 Zwickau - Berlin 1955
Calla-Stillleben im Spiegel

Öl auf Leinwand. (1917). Ca. 70,5 x 80,5 cm.