Auktion 296 || 16.07.20

Gabriele Münter
Bildnis von Gustl Blab | Ergebnis: € 150.000*

Verso auf dem Malkarton mit dem Stempel „Franz Dury“ – bei diesem Geschäft in der Amalienstraße in München bezogen Münter und Kandinsky seit 1902 Malmaterialien. „Bildnismalen ist die kühnste und schwerste, die geistigste, die äußerste Aufgabe für den Künstler.“ Gabriele Münter (zit. nach Ausst.-Kat. Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife, Lenbachhaus, München 2017, S. 99). In außergewöhnlich großem Format malt Gabriele Münster hier Gustl Blab (1898 – 1918), den ältesten Sohn ihres Nachbarn August Blab. Zu dem Zeitpunkt lebt sie in der Ainmillerstaße 36 in München, wie ein handschriftlicher Vermerk auf einem Etikett der Galerie „Der Sturm“ auf der Rückseite des Malkartons belegt. Ihr Atelier liegt jedoch in der Adalbertstraße 19 und damit im selben Haus wie die Wohnung des Vergolders August Blab. Dessen siebenjährigen Sohn Willi, den drei Jahre jüngeren Bruder von Gustl, porträtiert Münter schon 1908 in Öl. Dieses bekannte Gemälde mit dem Titel „Knabenkopf (Willi Blab)“ konnte das Museum Ludwig 2018 aus dem Nachlass Gabriele Münters erwerben und verstärkt nun dessen berühmte expressionistische Sammlung. Während Münter das Porträt des jüngeren Bruders als Bruststück ausführt, bei dem die Betonung auf dem Gesicht mit den großen blauen Augen liegt, zeigt sie Gustl als ganze Figur, in einem Sessel sitzend. Der wohl Zehnjährige trägt einen taubenblauen Anzug mit kurzer Hose, hellblaue Socken und kindliche Spangenschuhe. Er sitzt auf einem leuchtend roten Armsessel, über den eine rosa Decke drapiert ist. Die Schattenpartien im Gesicht und auf der Decke sind in grün gehalten. Die kräftigen Farben setzen den Jungen und den Sessel von einem dunklen und unbestimmten Hintergrund ab. So rückt die Figur des Kindes in den Vordergrund – still und eher zurückhaltend hat es sich in dem Sessel zurückgelehnt. Die Augen scheinen den Betrachter zu fixieren; etwas abwesend, aber geduldig lässt Gustl sich malen. Münter setzt hier starke gegen gedämpfte Farben ab und erreicht damit eine gesteigerte Ausdruckskraft. So zeigt dieses Bild die Einflüsse ihres Mitstreiters Jawlensky und der Künstler des Fauvismus: Ab 1908 arbeitet sie mit unvermischten Farben und betont, wie auch in dem vorliegenden Werk, mit dunklen Umrisslinien einen einfachen Bildaufbau. Rückblickend auf ihre künstlerische Weiterentwicklung in der Entstehungszeit unseres Porträts schreibt Münter 1911 dazu in ihr Tagebuch: „Ich habe da nach kurzer Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen des Inhaltes, zum Abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ Die Welt der Kinder nimmt im Schaffen Münters einen bedeutenden Platz ein. Auf Linolschnitten hat sie das Spielzeug ihrer Nichte und ihres Patenkindes Friedel Schroeter dargestellt. Für sie zeichnet Münter zwischen 1906 und 1910 Geschichten; so entsteht ein Bilderbuch, das auch Zeichnungen von ihrem Lebensgefährten Kandinsky und der befreundeten Malerin Marianne von Werefkin enthält. Später nähert sie sich der Bildsprache von Kindern, indem sie Repliken von Kinderzeichnungen schafft. Mit Vorliebe beobachtet und zeichnet Gabriele Münter die Menschen ihrer Umgebung schon seit ihrer Kindheit. 1952 schreibt sie hierzu: „Als ich 14 Jahre alt war, zeichnete ich in der Sommerfrische die Köpfe der Kurgäste ab, und die Erwachsenen fanden diese Konterfeis so treffend, dass die sie mir gern entführten.“ (zit. nach: Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife, Ausst.-Kat. Lenbachhaus, München 2017, S. 100). Seitdem ist der Mensch als Motiv in ihrem umfangreichen Œuvre in zahlreichen Varianten und in allen von ihr verwendeten künstlerischen Techniken zu finden: in den ersten malerischen Versuchen, den frühen Fotografien ihrer Amerikareise 1898-1900, in Holz- und Linolschnitten sowie in zahlreichen Ölgemälden. Münter malt im Laufe ihrer langen Karriere etwa 250 Porträts. Mehrmals hat Gabriele Münter Menschen in Sesseln dargestellt. Ein berühmtes Beispiel ist „Mann im Sessel (Paul Klee)“ von 1913 (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Inv.-Nr. 1127). Hier handelt es sich um eine Mischform zwischen Interieurszene mit häuslichem Umfeld und Porträt. Im Sessel sitzt der Künstler Paul Klee, der seit 1911 mit Münter und Kandinsky befreundet war und häufig zu Besuch in die Ainmillerstraße in München kam. Über ihre Arbeitsweise schreibt Münter zu diesem Werk: „Frei und nach eigenem Gesetz ist das Bild entstanden, gestützt auf meine Bleistiftskizze und geschöpft aus der Palette. Nach dem Naturanblick habe ich mich nicht mehr gerichtet. Das ‚Modell‘ fehlte im Sessel und die Ateliertapete, die ich vor mir hatte war in Wirklichkeit grau, der Sessel auch. Stattdessen hat im Bild wie von selbst die Wand in das geheimnisvolle Grün und der Sessel das schwere Ultramarin bekommen“. (zit. nach: Gabriele Münter, Ausst.-Kat. Hamburg u.a. 1988, neben Farbtafel XXXIX). So können auch die rosa Decke und der rote Sessel unseres Bildes in Wirklichkeit eine ganz andere Farbigkeit gehabt haben: Für Münter zählt nicht die reelle Abbildung, sondern die Darstellung von Gustl als Mensch mit individuellem Eigenleben.

Gabriele Münter
1877 Berlin - Murnau 1962
Bildnis von Gustl Blab | Ergebnis: € 150.000*

Öl auf Malkarton. (Wohl um 1908). Ca. 102,5 x 75 cm.

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