Arnold Topp

Rotes Pferd mit blauen Gestalten vor Stadtlandschaft

Details

Mit einer Expertise von Dr. Rainer Enders, Frankfurt/Oder, vom 26.10.2011. Bei der nächstfolgenden Überarbeitung des Werkverzeichnisses wird das Werk unter der Nr. 18.Oe.37 aufgenommen.

Mit einer naturwissenschaftlichen Analyse des Gemäldes von Dipl.-Chemiker Frank Mucha, Naturwissenschaftliches Labor, Fachrichtung Konservierung und Restaurierung der Fachhochschule Erfurt, vom 11.10.2011.

Ausstellung:
Wohl: Der Sturm. 63. Ausstellung. Nell Walden, Arnold Topp, Hans Sittig, William Wauer, Galerie Der Sturm, Berlin 1918, eventuell Kat.-Nr. 82 unter dem Titel „Auf den Tod des Blauen Reiters“ (vgl. Enders 18.Oe.18);
Wilhelm Morgner und die Junge Kunst – Zum 100. Todestag, Wilhelm Morgner Museum, Soest 2017;
Vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit – Wilhelm Morgner und die Soester Kunstavantgarde (1918-1934), Wilhelm Morgner Museum, Soest 2021, Kat.-Nr. 89, farb. Abb. S. 72 (= gemeinsamer Katalog für die beiden Ausst. 2017 und 2021).

Provenienz:
Atelier des Künstlers, Meseritz (heute: Międzyrzecz/Polen);
Privatbesitz, Küstrin (heute: Kostrzyn nad Odra/Polen);
Kunst & Auktionshaus Eva Aldag, Buxtehude 26.11.2011, Los 8;
Privatbesitz, Hessen.

Beschreibung

• Ausdrucksstarke und charakteristische Arbeit Arnold Topps
• Allegorie auf den 1916 bei Verdun gefallenen Franz Marc und das Ende des Blauen Reiters
• Seltenes Zeugnis für den fruchtbaren künstlerischen Austausch mit dem Malerkollegen Curt Ehrhardt

Dr. Rainer Enders schreibt in seiner Expertise: „(…) Das Werk ist nicht datiert. Einen Hinweis auf das Entstehungsjahr könnte die Darstellung geben, die deutliche Indizien gibt, es könnte sich bei diesem Bild um das verschollene ‚Auf den Tod des Blauen Reiters‘ handeln. Dann wäre es im Mai 1918 im Sturm ausgestellt gewesen und fiele somit in dieses Jahr (Galerie Der Sturm von Herwarth Walden, Berlin).
(…) Der Weg des Werkes liegt völlig im Dunklen. Nach bisherigen Erkenntnissen ist es nur dieses eine Mal ausgestellt gewesen, was häufig auf einen Besitzerwechsel hindeutet. Der Fundort im heute polnischen Küstrin könnte darauf deuten, dass es aus Topps Atelier in Meseritz stammt, das seit 1945 als verschollen gilt. Allerdings ließen sich die bisher in Polen aufgetauchten Werke Topps auf den Raum Meseritz/Polen zurückverfolgen; sie befanden sich fast alle in einem schlimmen Zustand. Dagegen ist dieses hier im 80 km weiter westlich gelegenen Küstrin gefundene Bild gut erhalten, was eben nicht völlig ausschließt, das Werk sei schon in deutscher Zeit hier beheimatet gewesen.
(…) Die Darstellung zeigt ein wild zerklüftetes Gelände mit einer nächtlichen Stadtlandschaft, deren Häuser teilweise leere Fensterhöhlen zeigen. Diese Landschaft könnte durchaus zu einem Schlachtfeld gehören. Im Zentrum befinden sich zwei blaue Gestalten in einer passiven Position, sowohl das Blau als auch ihre Körperhaltung könnten darauf hindeuten, dass es sich um Tote handelt. Im Gegensatz zu ihnen sehen wir daneben ein kraftstrotzendes rotes Pferd voller Leben. Für mich steht außer Zweifel, dass es sich hierbei um eine Allegorie handelt.
Im März 1916 war Franz Marc auf einem Erkundungsritt vor Verdun gefallen. Dieser Verlust stürzte Arnold Topp wie die gesamte deutsche Künstlerschaft, die offenbar von der Überzeugung getragen war, ein solcher Künstler müsse unsterblich sein, in eine tiefe Verzweiflung. Erst Herwarth Walden gelingt es, Arnold Topp wieder aufzurichten. Einen Monat später wird Topp im selben Raum verwundet.
Es kann vermutet werden, dass dieses Bild im Zuge der Bewältigung der traumatischen Kriegerlebnisse entstanden ist. Nun, zwei Jahre später, ist der philosophischen Problemen als zweiter Leidenschaft zugetane Topp in der Lage, quasi resümierend, für sich die Gedanken über Persönlichkeit und Geschichte in Farben und Formen zu fassen. Die moderne Kunst, deren Feuer in allen ihren Schöpfern brannte, steht hier, verkörpert in diesem rotglühenden Pferd, wie ein Fels, unerschütterlich, auch wenn einer ihrer großen Reiter gefallen ist. Topp gestaltet in dem Pferd die tragende Kraft der Kunst, die im Gegensatz zu ihren Reitern ewig ist, eine Erkenntnis, aus der er Zuversicht ziehen konnte.
Farblich wird das Bild von dem alles beherrschenden Rot-Blau-Kontrast dominiert. Daneben fällt mit dem zweiten Blick die für Topp ungewöhnliche farbliche Gestaltung anderer Bildelemente – Bäume, Mond und anderes – auf, wo auf engstem Raum Rot, Blau, Gelb und Grün ineinander übergehen. Diese Handhabung der Farbe war mir bislang nur von Curt Ehrhardt bekannt, der, ebenfalls in Brandenburg an der Havel wohnend, 1918 und 1919 eng mit Topp befreundet war. Beide trafen sich häufig, um sich über die tragenden Fragen der Zeit auszutauschen, auch dass sie gemeinsam gemalt haben, war bekannt. Dieses Bild ist nun das erste aufgefundene Zeugnis für ihre sich gegenseitig befruchtende künstlerische Arbeit.
(…) Wie schon oben genannt, könnte das Bild identisch sein mit dem verschollenen Werk 18.Oe.18. – ‚Auf den Tod des Blauen Reiters‘. Leider fehlen an Bild, Rahmen und Rückwand Hinweise für eine Bestätigung dieser Vermutung.
Deshalb wird bei der nächstfolgenden Überarbeitung des Werkverzeichnisses das Werk unter 18.Oe.37. – ‚Rotes Pferd mit blauen Gestalten vor Stadtlandschaft‘ aufgenommen werden.“