Edvard Munch

Zwei Köpfe (Loslösung II)

Details

Vgl. Schiefler 68; Woll 78 b I (von II).

Provenienz:
A+G De May, Lausanne;
Privatsammlung, Deutschland, 1983 bei Vorgenannter erworben, durch Erbfolge an die jetzigen Besitzer.

Beschreibung

Edvard Munch hat wie kein Zweiter die Darstellung der Einsamkeit auf eine neue Ebene gehoben und konfrontiert den Betrachter auf direkte und unverblümte Art und Weise mit den Themen Loslösung, Trennung, Schmerz und Einsamkeit.
Der Mann auf der linken, dunklen Bildseite hat die Augen geschlossen, er wirkt von großer Trauer und Melancholie erfasst. Die Frau rechts dreht sich mit erhobenem Kopf von ihm weg und fixiert dabei einen Punkt außerhalb der Darstellung. Ihr abgewandtes Gesicht lässt wenig Rückschlüsse darauf zu, ob sie traurig, erleichtert oder einfach gleichgültig ist. Gleichwohl scheint die Frau die Szenerie zu verlassen und der Mann als passiver, machtloser Betrachter in seiner Einsamkeit zurückzubleiben. Trotz dieser Distanz ist die Verbindung der beiden Figuren – anders als es der Titel vermuten lässt – noch nicht ganz „losgelöst“.
Wie aus dem berühmten Gemälde „Loslösung“ – der Vorlage für die Lithographie aus dem Munch-Museum in Oslo, das ebenfalls 1896 entstanden ist – hervorgeht, hat der Mann in der linken Bildhälfte seine rechte Hand auf seine linke Brust gelegt. Die Haare der Frau sind auf dem Gemälde fast in einem 90 Grad Winkel in seine Richtung abstehend. Auf der vorliegenden Druckgrafik scheint die Hand des Mannes in die über seine Schulter fließende Haarpracht der Frau überzugehen und so bleibt eine letzte Verbindung zwischen den beiden bestehen. Über dieses bei Munch mehrfach verwendete Motiv äußerte sich einmal der Künstler wie folgt: „Ich fühlte als ob sich unsichtbare Fäden zwischen uns befanden – ich fühlte wie unsichtbare Fäden ihres Haares mich immer noch umspannen – und so als sie dann über die See hinaus ganz verschwand – fühlte ich immer noch, es schmerzte dort, wo mein Herz blutete – weil sich die Fäden nicht abreißen ließen.“ (zit. aus: Edvard Munch. Liebe, Angst, Tod, Ausst.-Kat. Bielefeld/Krefeld/Kaiserslautern 1980/1981, S. 91).
Nicht ganz losgelöst, nicht ganz getrennt, mit einer letzten Strähne verbunden – Munch schafft es meisterlich, den Trennungs- und Abnabelungsprozess einer Beziehung einzufangen. Marlene Dumas bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Vieles wird angedeutet. Wenig wird definiert“ (Marlene Dumas, Epilogue, 2008).
Munch bezieht sich in seinem Werk immer wieder auf seine eigene Vita: Durch seine psychischen wie physischen Erkrankungen erleidet der Künstler persönliche Verluste. Eine traumatische Liebesbeziehung führt dazu, dass es ihm nahezu fast unmöglich erscheint, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau einzugehen.