Details

Nicht bei Richter.

Provenienz:
Familie Speckter, Hamburg;
durch Erbfolge im Privatbesitz, Baden-Württemberg;
Kunsthauktionshaus Schloss Ahlden, Auktion 182, 5.9.2021, Los 1662.

Beschreibung

Eine Staude mit sieben herzförmigen, sich nach beiden Seiten neigenden Blättern und vier von zarten, gewundenen Stielen getragene Blüten hat Philipp Otto Runge so virtuos aus dem weißen Papier herausgeschnitten, das sie der Zauber des Lebendigen umweht – man meint gleichsam zu spüren, wie das zarte Pflänzchen – hier ein Veilchen – sich in der Luft windet. Die Pflanzen für seine Scherenschnitte begegneten Runge auf zahlreichen Spaziergängen und Wanderungen, um hernach „häufig die feinsten und zärtesten Theile der Blüthen und Pflanzen mit dem edelsten Geschmack“ nachzubilden „und den Gegenstand bis zur Wurzel“ zu verfolgen, wie Runges Bruder Daniel berichtet. Daniel überliefert auch, wie leicht seinem Bruder das Herstellen der Schnitte fiel: „Er fertigte dergleichen in den zerstreutesten Momenten, sich dabey über jedes andre unterhaltend und das entscheidende Gebilde schien sich bey dieser gleichsam plastischen Kunstübung fast wie selbstthätig unter der Scheere in seiner Hand zu bewegen“. Dies geschah meist bei Abendunterhaltungen im Kreis der Familie Speckter in Hamburg, aus deren Besitz auch unser Scherenschnitt stammt.
Im kunst– und literaturinteressierten Kreis um Johann Michael Speckter, der mit Runges Bruder Daniel, Friedrich August Hülsenbeck und Johann Friedrich Wülffing 1793 in Hamburg eine Handelsgesellschaft gegründet hatte, empfing der junge Runge ab 1795 prägende Impulse für sein Schaffen, in dem die Pflanze eine besondere Bedeutung erlangen sollte. Runge, neben Caspar David Friedrich der Erfinder der Romantik, begründete seine „neue Kunst“ auf dem Studium der Natur und sah in der einzelnen Pflanze den „lebendigen Geist Gottes“ walten. Die Pflanze als Geschöpf Gottes und dieser Schöpfung auf den Grund gehen – diesen Ansatz verfolgen in besonderer Weise Runges Scherenschnitte von heimischen Pflanzen. In ihnen entfaltete sich sein Kosmos aus Vorgestelltem und Dargestelltem; sie gaben seiner Einbildungskraft Gestalt, um die Entfaltung der Naturkräfte nachzuvollziehen, und bildeten so die Basis seines Form- und Gestaltdenkens. Er entwickelte seine Bildideen aus der Fläche und dem Kontrast von Hell und Dunkel und nicht zuletzt ist die Umrisslinie, die dem Scherenschnitt zugrunde liegt, konstituierend für sein gesamtes Werk. In ihnen entfaltete er die Pflanze ganz aus der Fläche und dem Kontur, nur durch Überschneidungen schuf er den Eindruck von Raum und Volumen.
Runges Scherenschnitte sind in gewisser Weise die Essenz seiner Kunst, denn in ihnen erreichte er jenen Grad von Abstraktion und Stilisierung, der ihn unabhängig von der Erscheinungsvielfalt der einzelnen Blumen und Blätter das „Charakteristische“ der Pflanze – wie Runge es selbst nannte – herausfiltern ließ, ohne dabei die bildliche Gesamtwirkung zu vernachlässigen. Neben dem „Charakteristischen“ forderte Runge für alle Kunstwerke „Regularität“, die sich durch eine ausgewogene, zur Symmetrie neigende Anordnung der einzelnen Pflanzenelemente ausdrückt. Der besondere Reiz der Veilchen besteht in ihrer Anmutung einer gewachsenen, natürlichen Symmetrie, die die ganzheitliche Organisation der Pflanze offenbart.
Im Gegensatz zu anderen Blumen wie Narzissen oder Feldblumen hat Runge Veilchen seltener geschnitten – Cornelia Richter verzeichnet in ihrem Werkverzeichnis der Scherenschnitte Runges nur weitere vier Veilchen (Richter 77, 94, 137 und 155), die wie unser Exemplar alle aus dem Besitz der Familie Speckter stammen. – Vereinzelt mit schwachen Braunfleckchen, ansonsten schön.
Peter Prange