Heinrich Bürkel

Alm im Hochgebirge mit Sennerin

Details

Bühler/Krückl 96.

Literatur:
Hans-Peter Bühler und Albrecht Krückl, Heinrich Bürkel mit Werkverzeichnis der Gemälde, München 1989, Kat.-Nr. 96, mit Abb. S. 232.

Provenienz:
Neumeister, München, Auktion 293, 25.9.1996, Los 484;
Privatbesitz, Süddeutschland.

Beschreibung

Heinrich Bürkel, der Meister der bayerischen Idylle, zeigt in seinen Bildern nicht das harte, entbehrungsreiche Leben der Bauern und Senner in den bayerischen Alpen, sondern Freizeitvergnügungen, Raufereien oder Momente der Ruhe und inneren Einkehr. Auf unserem Gemälde sitzt vor einer Alpe auf einer Bank die Sennerin barfuß in Sonntagstracht mit Rosenkranz und ist in ihr Gebetbuch vertieft – wartet sie auf den Senner, um mit ihm ins Dorf hinabzusteigen und den sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen? Umgeben ist sie von Kühen, Schafen und Ziegen, die sie die Woche über versorgt, doch die sich jetzt am Sonntag auf der vorgelagerten Wiese niedergelassen haben oder dort friedlich grasen.
Es ist ein Moment der Stille und ein für Bürkel typisches Arrangement, mit dem er in unzähligen Varianten über Jahrzehnte sehr erfolgreich war. Auf einem bühnenartig aufgefassten Vordergrund schiebt sich schräg eine Behausung ins Bild, während er im Hintergrund den Blick auf die imposante Welt der Alpen öffnet. Die Betonung der Diagonalen, die im Kleinen an den Brunnen, aber auch an der Wegeführung sichtbar wird, dynamisiert die Komposition, belebt sie in dem fein abgestimmten Nebeneinander von Vertikalen, Waagerechten und Diagonalen.
Wir wissen nicht, wie diese friedvolle Geschichte weitergeht, über die Gott wacht – nicht nur die Sennerin gibt sich als gläubige Christin zu erkennen, sondern auch das Windrad auf dem Dach der Alpe bildet genau über der Sennerin nicht von ungefähr die Kreuzesform. Alles geschieht unter dem Schutz des Christentums – es ist Gottes Schöpfung, von der Bürkel erzählt. Es ist eine ruhige, farbenfrohe Bergwelt, die Bürkel dem Betrachter präsentiert, genau und mit Liebe zum Detail beobachtet, was auch für die Schilderung atmosphärischer Stimmungen gilt: Von rechts verdunkelt sich der Himmel – zieht womöglich ein Gewitter herauf, das den Abstieg ins Dorf verhindert?
Diese Mischung aus Naturschilderung und bäuerlichem Genre, überwölbt von der allumfassenden Kraft der Religion, machte den weltweiten Erfolg der Malerei Bürkels aus. Auch das Motiv der Alpe fand beim Publikum viel Zuspruch – nachdem Bürkel bereits zu Beginn der 1840er Jahre das Thema der Alpe in mehreren Versionen bearbeitet hatte, existieren aus seiner letzten Schaffensphase von etwa 1865-1868 mehrere, nahezu übereinstimmende Versionen, die sich nur leicht im Format und in der Staffage unterscheiden (Bühler/Krückl 97-99). Ein Gemälde mit dem Titel „Sonntag auf der Alm“ hat Bürkel noch 1868 auf die Rheinische Kunstausstellung in Mannheim gegeben, eine weitere Fassung verkaufte er 1868 für 260 Florin nach Speyer und eine andere Version für 300 Florin auf der 3. Allgemeinen deutschen Kunstausstellung in Wien (vgl. Verkaufsaufzeichnungen Bürkels, Stadtarchiv Pirmasens, fol. 150).
Dabei ist Bürkels Beharren auf der einmal erprobten Komposition kein Beleg etwa für nachlassendes oder mangelndes Innovationsvermögen, sondern ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass Bürkels Gemälde zu Lebzeiten außerordentlich begehrt waren und er Sammler auf der ganzen Welt, vor allem in Amerika, zu seinen Kunden zählen konnte. Seine erzählerische Kraft und mitfühlende Beobachtungsgabe, sein Hang zur Anekdote, haben dazu beigetragen, die Vorstellung von einem naturnahen, urtümlichen Bayern bis heute in der ganzen Welt zu manifestieren. Mit solchen Gemälden hat Bürkel zusammen mit Wilhelm Kobell das Bild der bayerischen Kulturlandschaft geschaffen, das noch bis heute wirkt.
Peter Prange