Josef Albers

Study for Homage to the Square: ‚Oracle‘

Details

Mit einer Expertise von Nicholas Fox Weber, Josef and Anni Albers Foundation, Bethany, Connecticut, vom 2.9.2020. Das Werk ist im Archiv der Foundation unter der Werknummer „JAAF 1976.1.789“ registriert und wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde aufgenommen.

Ausstellung:
Interaction of Color: A Presentation of Paintings and the Color Theory of Josef Albers, Dallas Museum of Fine Arts, Dallas u.a. 1963/64;
The Art of Josef Albers, Austin Arts Center, Trinity College, Hartford 1965, Kat.-Nr. 22 (Leihgabe der Sidney Janis Gallery);
Albers, Sidney Janis Gallery, New York 1989, verso mit Etikettresten;
Josef Albers Paintings, Waddington Custot Galleries, London 2009, Kat.-Nr. 21, farb. Abb. S. 49, verso mit dem Etikett.

Provenienz:
Nachlass des Künstlers;
The Josef and Anni Albers Foundation, Bethany, Connecticut, 1976;
Sidney Janis Gallery, New York, 1989;
Edward Totah Gallery, London, verso mit Etikettresten;
Galerie Arditti, Paris;
Privatsammlung, Palm Beach;
Sotheby’s, Paris 7.6.2016, Los 15;
Privatsammlung, Frankreich.

Beschreibung

Verso von fremder Hand mit ausführlichen Bezeichnungen. Laut der Stiftung wurde auf der Rückseite des Werkes eine zusätzliche Holzfaserplatte angebracht, auf der die ursprünglichen Inschriften von Albers von unbekannter Hand nachgezeichnet wurden. Wann, von wem und aus welchem Grund diese zusätzliche Platte auf der Rückseite des Werkes angebracht wurde, konnte auch nach ausführlichen Archivrecherchen nicht geklärt werden, allerdings geschah dies mit dem Einverständnis des Künstlers.

Aus der berühmten Serie „Homage to the Square“, die Albers im Jahr 1950 beginnt und bis zu seinem Tod 1976 fortführt, stammt auch unser herausragendes Werk „Oracle“ von 1961. Obwohl die genannte Bildserie nur mit einer einzigen Form – dem Quadrat – arbeitet, ist doch jedes Werk einzigartig und visuell nicht im Geringsten ermüdend. Im Gegenteil: „Homage to the Square“ verblüfft den Betrachter immer wieder auf neue Weise. Denn Albers nutzt die wiederkehrende Form, um die Wirkung der Farben im Detail zu erkunden. Ihn interessiert die Interaktion der Farben, die durch bloße Gegenüberstellungen ihre Wirkung unendlich verändern können. Grundlegend ist dabei Albers‘ Erkenntnis, dass Farbe kein absoluter Wert ist, sondern immer in Relation zu ihrer Umgebung wahrgenommen werden muss. Die Größe, Lage und Tönung benachbarter Bildflächen ist es, die die Farbwahrnehmung maßgeblich bestimmt. Zur Erkundung dieses Phänomens legt Albers seine Bilder nach einem definierten geometrischen Grundraster an, das Vergleichbarkeit gewährleistet: drei oder vier verschieden große Quadrate, deren Mittelpunkte auf derselben vertikalen Mittelachse liegen.

An „Oracle“ kann dieses Verfahren mit besonderer Prägnanz nachvollzogen werden. Es ist ein besonders eindrucksvolles und vor allem seltenes Werk: Es zählt innerhalb der „Homage to the Square“-Serie zu einer Untergruppe von nur 53 Gemälden, die zwischen 1957 und 1973 entstehen und die in der ausgeprägten Komposition die charakteristischen „auf Gehrung geschnittenen“ Quadrate aufweisen. In unserem Fall strahlt das Binnenquadrat in sattem Grün, während die beiden äußeren in Hell- und Dunkelgrau gehalten sind. Erst durch den farblichen Kontrast und die perspektivische Verschränkung der beiden äußeren Quadrate kommt es zu einem verblüffenden „Farbenleuchten“ im Binnenquadrat und zu einer räumlichen Illusion. Diese optischen Effekte werden durch die in der Farboberfläche wahrnehmbare Struktur der verwendeten Masonit-Hartfaserplatte noch weiter betont. Damit lotet Albers im vorliegenden Werk den Raum zwischen Abstraktion und Figuration aus. Das Gemälde evoziert einerseits die Illusion einer Öffnung, die den Blick nach Draußen freigibt. Die Assoziation eines steinernen Fensterrahmens mit dem Ausblick ins sommerliche Grün scheint naheliegend, insbesondere wenn man an die unendlich erscheinenden Wälder North Carolinas und Connecticuts denkt, wo Albers seit 1933 bzw. 1950 lebte. Andererseits legt der metaphorische Titel „Oracle“ auch eine introvertierte Interpretation nahe, die das Werk dem Betrachter als eine Art magischen Wahrheitsspiegel vorhält. Insgesamt sind die von Albers gewählten Titel eher poetisch als wörtlich zu verstehen. Oftmals findet er wohl einfach Gefallen an einzelnen Wörtern und ihrer Mehrdeutigkeit, mit der er den Werken ein vielschichtiges Geheimnis verleihen kann. Somit lässt Albers mit dem Titel „Oracle“ jedem Betrachter seinen ganz eigenen Interpretationsspielraum, genauso wie sein „geometrischer Surrealismus“ (Werner Spies) die sinnliche Wahrnehmung und das sehende Denken des Betrachters insgesamt immer wieder aufs Neue herausfordert. Als Individuum kann dieser das Kunstwerk unmittelbar miterleben und für sich selbst immer wieder neu erschaffen.