Details

Mit einer Fotoexpertise von Dr. Jürgen Pech, Brühl, vom 15.6.2014 (in Kopie). Die Arbeit wird in den in Vorbereitung befindlichen Nachtragsband zum Werkverzeichnis von Werner Spies und Jürgen Pech aufgenommen.

Ausstellung:
Max Ernst, Galerie Vignon, Paris 1930, wohl Kat.-Nr. 5 oder 6;
Le Chant de la Grenouille, the Surrealists in Conversation, Helly Nahmad Gallery, New York 2014;
Max Ernst – Yves Tanguy: Deux Visions du Surréalisme, Musée Paul Valéry, Sète 2016.

Provenienz:
Ader, Picard, Tajan, Paris 24.11.1988, Los 88;
Privatsammlung, Schweiz.

Beschreibung

Verso auf dem Karton mit dem Etikett der Künstlerbedarfshandlung George Rowney & Co, London.

Max Ernst gehört zu den vielseitigsten und bedeutendsten Künstlern der Moderne. Nach seinen Anfängen als revoltierender Dadaist in Köln zieht der Künstler 1922 nach Paris, wo er bald zu einem der Pioniere des Surrealismus wird. Seine Kreativität im Umgang mit Bild- und Inspirationsquellen, die Brüche zwischen den zahlreichen Werkphasen und Sujets überraschen den Betrachter. Wie ein Revolutionär des Sehens setzt er Bilder neu zusammen, stellt als Surrealist neue Verbindungen zwischen Bildern und dem Bewusstsein des Betrachters her.

Max Ernsts Gemälde „L’Homme et la Femme“ bewegt sich an der Grenze zwischen figürlicher und abstrakter Malerei. Scheinbar unzusammenhängende, abstrakte Fragmente fügen sich zu einer wirkungsvollen – aber auch rätselhaften – Endkomposition zusammen, die fast skulptural anmutet.

Der Titel des Werkes scheint das Rätsel zu lösen, was hier dargestellt sein soll: „L’Homme et la Femme“ – Der Mann und die Frau. Und tatsächlich – bei längerer Betrachtung kann man zwei Figuren ausmachen. Sie setzen sich aus quasi-geometrischen Formen in kräftigen Farben zusammen und befinden sich in einer Umarmung.

Ein zentrales Element, das eine hölzerne, gemaserte Textur nachahmt, entpuppt sich als Kopf einer Figur – wahrscheinlich der Frau -, deren rechteckiger, breiter Rumpf von zwei vertikalen Beinen getragen wird und an einen Tisch erinnert. Die Simulation einer gemaserten Holzoberfläche ist eine Anspielung auf Ernsts berühmte Grattage- und Frottagetechniken, die er Mitte der 1920er Jahre entwickelt hat.

Die rechte Figur – der Mann – scheint wie ein Schatten aus der nächtlichen Dunkelheit am rechten Bildrand aufgetaucht zu sein. Ernst verbindet diese Figur kunstvoll mit den linken Elementen durch ineinandergreifende Linien und Flächen in leuchtendem Rot, Braun und Goldgelb. Diese amorphen Formen widersetzen sich jeder klassischen Geometrie. Die gelbe Form mit der Spitze oben und dem runden Loch in der Mitte symbolisiert den Kopf des Mannes und ist eine Anspielung auf den Vogelschnabel von Ernsts berühmtem Vogelwesen und Alter Ego „Loplop“, das in den 1930er Jahren zu einer ikonischen, ständig wiederkehrenden Figur im Werk des Künstlers wird. Im Beiblatt zur Max Ernst-Ausstellung in der Galerie Vignon 1930 in Paris, in der auch dieses Gemälde gezeigt wurde, gibt der Künstler folgende Definition seiner Figur: „Loplop ist ein eigentümliches, an die Person Max Ernsts gebundenes Schemen, manchmal geflügelt, immer männlich“. Dieses Zitat verdeutlicht die enge Verbindung von Loplop mit dem Künstler. Die Galerie Vignon zeigte in ihrer Ausstellung damals noch mindestens vier weitere Ölgemälde mit dem Titel „L’Homme et la Femme“, die Ernst ebenfalls 1929/30 malte – immer hat eine Figur eine Spitze im Kopfbereich, die wohl auf den Vogelschnabel des Loplop anspielt.

Max Ernst erzeugt im vorliegenden Gemälde einen auffälligen Kontrast von Licht und Schatten durch den dunklen Vorder- und den hellblauen Hintergrund, welcher die zentralen Figuren einrahmt und ihnen gleichzeitig räumliche Tiefe verleiht. Die Dualität ist ein zentrales Thema des vorliegenden Werks – kontrastierende Elemente werden in ein ständiges Spiel gebracht, es entsteht eine schwebende Spannung zwischen Starrheit und Bewegung. Mann und Frau, Mensch und Tier, das Reale und das Fantastische verdichten sich zu einem Bild von großer Intensität und Bewegung – so vereint das Gemälde „L’Homme et la Femme“ in sich die wichtigsten Themen des surrealistischen Künstlers Max Ernst.