Details

Provenienz:
Van Ham, Köln, Auktion 282, 20.11.2009, Los 380.

Beschreibung

Ein Junge im Sonntagsanzug lehnt stehend an einem Stuhl, die Rechte etwas verlegen zwischen die Leisten des Stuhls gelegt. Er steht dem Zeichner Modell, sie stehen sich von Angesicht zu Angesicht in einem Zustand gegenüber, in dem dem Dargestellten bewusst ist, dass er gezeichnet wird. Für Adolph Menzel, der Menschen in Situationen beobachtet, in denen sie sich unbeobachtet fühlen, war dies ungewöhnlich: Er hatte sich der Gattung Porträt eigentlich verweigert – „es ist nicht mein Fach Porträts aller und jeder Art in einer für die Öffentlichkeit schmackhaften Weise zu kopiren oder je nach Befinden zu komponieren“, äußerte er 1850 gegenüber seinem Verleger Carl Berendt Lorck in Leipzig –, doch schuf er besonders in den späten 1840er Jahren Bildnisse von höchster Intensität, die in seinem Familien- und engstem Freundeskreis entstanden sind. Erinnert sei an die großartigen Pastelle von seinen Geschwistern Emilie und Richard, in denen Menzel sie im Schlaf oder in Gedanken überraschte, an die Bildnisse der benachbarten Familie Maerker oder die Pastelle der Kinder des mit Menzel befreundeten, als Maler dilettierenden Carl Heinrich Arnold. In der gleichermaßen traditionellen wie auch repräsentativen Form der Büste sind letztere tatsächlich Porträts im eigentlichen Sinne, was auch auf unser Bildnis zutrifft: Der Junge – möglicherweise einer der Söhne des mit Menzel gut befreundeten Malerkollegen Eduard Meyerheim – steht Modell, versucht, eine nicht zu strenge Pose einzunehmen, dabei nicht ganz wissend, wohin mit seinen Händen. Den linken Arm angewinkelt und hinter dem Rücken versteckend, sucht die Rechte zwischen den Leisten des Stuhls Halt zu finden. Hier ist deshalb die zeichnerische Aufmerksamkeit am geringsten, hier nimmt Menzel das Angedeutete, sogar Verzeichnungen in Kauf und konzentriert sich auf Gesicht und Kleidung. Haar und Gesicht des Jungen sind dabei ungewöhnlich brav, fast lieblich, doch bei der Wiedergabe der Kleidung offenbart Menzel sein ganzes zeichnerisches Potential. In für ihn charakteristischer Weise kombiniert er schwarze Kreide und Wischer mit dem braunen Tonpapier als Grund – akzentuiert durch den spritzigen Einsatz der Weißhöhung, die das Bild sinnlich belebt.
Für seine Bildnisse verwendete Menzel zumeist braune Tonpapiere in Kombination mit farbigen Kreiden oder wie hier mit schwarzer und weißer Kreide. Diese Technik war im Berliner Porträt des zweiten Jahrhundertviertels weit verbreitet – namentlich Franz Krüger hatte sie perfekt kultiviert, doch im Gegensatz zu seinen gemäldeartigen Inszenierungen bleibt Menzels Bildnis immer den freien Ausdrucksmöglichkeiten der Zeichnung verpflichtet.
Das Bildnis des Jungen ist monogrammiert, doch nicht eindeutig datiert – es scheint, als sei eine „8“ in einer „6“ korrigiert – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass es sich um eine nachträgliche, erst aus der Erinnerung geschaffene Datierung handelt? Denkbar sind beide Daten, denn zu dieser Zeit begann Menzels Beschäftigung mit farbigen Kreiden auf Tonpapier. – Innerhalb des Passepartoutausschnitts etwas nachgedunkelt, verso teils unregelmäßig gebräunt. Die Ecken minimal bestoßen. Verso am linken Rand mit einem hellen Fleck, in den unteren Ecken mit Kleberesten alter Montierung. Insgesamt gut erhalten.