Details

Literatur:
The Studio. An illustrated magazine of fine and applied arts, Heft 8, 1896, Seite 121.

Ausstellung:
wohl 1896 in der Sonderausstellung von Hans Thoma in den Sälen 2a und 40 im königl. Glaspalast, München, (Collektiv-Ausstellung), aufgrund von Titel und Datierung wahrscheinlich identisch mit Kat. Nr. 969, ohne Abb.

Provenienz:
Seit Jahrzehnten in Privatbesitz, Süddeutschland.

Beschreibung

Allein sitzt ein junger nackter Mann – um 1900 hätte man von einem Adoleszenten gesprochen – auf einem Felsen, umgeben nur vom Blau des Himmels und des Meeres. Der Jüngling kauert, hat auf sein Knie einen Arm gestützt, in den er seinen Kopf gelegt hat. Er blickt nach unten, auf sich, auf sein Selbst. Nichts stört diese Schau nach innen – kein Laut, keine Bewegung, Himmel und Meer sind vollkommen ruhig und breiten sich in intensiver Farbigkeit hinter ihm aus; einzig unten rechts ist die Gischt einer kleinen anbrandenden Welle sichtbar.
Hans Thoma hat das Thema des sinnenden Jünglings mehrfach verfolgt – zunächst 1892 in einem Pastell (Stuttgart, Nagel, 7. September 1991, Los 41), danach 1894 in einem Gemälde, das sich ehemals im Besitz der Neuen Pinakothek befand (Thode 383), vorbereitet durch eine kleine Ölstudie (Wiesbaden, Badisches Auktionshaus, 14. Juni 2017, Los 863, nicht bei Thode), 1899 in einer kleineren Version (Thode 415) und in einer Radierung, die den Jüngling seitenverkehrt zeigt (Beringer 238). Alle Darstellungen gehen zurück auf eine 1880, wohl während Thomas zweiter Italienreise entstandener Federzeichnung, die sich heute im Nationalmuseum in Warschau befindet (Warschau, National Museum, Inv. Nr. 192915/22). Unsere Fassung von 1896, die im gleichen Jahr im Münchner Glaspalast ausgestellt war, ist sicher die intensivste, konzentrierteste Interpretation des Themas.
Thoma hat ihnen den Titel „Einsamkeit“ gegeben, allerdings ohne jene negative Konnotation, die wir heutzutage mit Einsamkeit verbinden: „Wenn man sich als Mittelpunkt der Welt empfinden und auch etwas von dem Hochgefühl dieses Vorzuges haben will, so muß die Seele allein sein in der Stille, wo sie ihr Geheimnis, sich selber empfindet“ (Hans Thoma: Die zwischen Zeit und Ewigkeit unsicher flatternde Seele, Jena 1917, S. 40). Tatsächlich ist der Jüngling „Mittelpunkt“ einer Welt, in der nichts stört oder ablenkt, keine Landschaft, nur umgeben vom intensiven Blau des Himmels und des Meeres ist der Jüngling auf sich selbst zurückgeworfen. In der Stille findet die Seele zu sich selbst und entfaltet ihre schöpferische Kraft. Der mächtige, monolithartige Felsen trägt ein „denk mal“, das in der Einsamkeit Inspiration findet.
Thoma selbst dürfte seine Anregung für das Motiv in Paris gefunden haben, wo er sich 1868 aufhielt. Nach dort hatte 1836 Hippolythe Flandrin sein Gemälde eines kauernden, nackten Jünglings geschickt, das 1855 auf der Weltausstellung gezeigt und 1857 von Napoleon III. für die Sammlungen des Musée du Luxembourg (heute Louvre, Inv. Nr. M. I. 117) angekauft wurde. Das ganz vom puristischen Geiste seines Lehrers Ingres erfüllte Gemälde zeigt den Jüngling in ähnlicher Pose wie Thoma.
Dürfte das Motiv durch Thomas Parisaufenthalt angeregt sein, so atmet das Gemälde einen ideal-antikischen Geist, der den Jünglingen des Hans von Marées nahesteht. In dem kauernden Jüngling, dessen Umriss nicht von ungefähr der antik-idealen Kreisform nahekommt, offenbart sich jene antikische Tradition, die vor allem Marées und Adolf von Hildebrandt in der zweiten Jahrhunderthälfte wiederbelebt hatten. Anlässlich eines anderen Gemäldes von Thoma hatte Conrad Fiedler, der theoretische Apologet der beiden Künstler, bemerkt: „Es steckt etwas von Marées darin; einfache Mittel mit einer geheimnisvollen reichen Wirkung.“