Gustave Courbet

Portraitstudie des Lyrikers Marc Trapadoux

Details

Provenienz:
Courbet Auktion, Paris, 1919;
Curt von Faber du Faur, USA (bis Anfang 1960iger Jahre);
Galerie Otto Ostermaier, München;
Privatbesitz, Irland, 1997 in obiger Galerie erworben.

Beschreibung

Man kennt Gustave Courbet als Schilderer von Sujets abseits künstlerischer Konventionen und Stereotype, berühmt sind seine Erzählungen von schlafenden und tagträumenden Mädchen, sein demokratisches und soziales Engagement, von dem er in seinen Gemälden Zeugnis gibt, und nicht zuletzt seine versunkenen, grübelnden und nach innen gewandten Porträts. Besonders in seiner Frühzeit hat sich Courbet dieser Gattung wiederholt gewidmet – zunächst in aufbrausenden Selbstbildnissen wie dem Porträt als Verzweifelter von 1844/45 (Privatbesitz) oder als vor Angst Wahnsinniger (Oslo, Nationalgalerie), mit denen Courbet im Pariser Kunstbetrieb auf sich aufmerksam machte. Es ist die Zeit, in der Courbet begann, auch Bekannte und Freunde zu porträtieren – so berichtet er im Herbst 1847 seinem Vater, dass er gerade einige Bildnisse seiner Freunde male.
1849, als Courbet in Paris in die Rue Hautefeuille umzog, wo er bis 1871 arbeitete, entwickelte sich die in der Nähe gelegene Brasserie Andler zur Hochburg der Pariser Bohème. Dort, im „Tempel des Realismus“, wie ihn Jules Champfleury, der Kunstkritiker und Freund Courbets, nannte, traf sich Courbet mit Künstlern und Intellektuellen wie Charles Baudelaire, Pierre-Joseph Proudhon oder Max Buchon, mit dem er bereits seit Kindestagen befreundet war. Hier und in seinem nahelegen Atelier traf er auch Marc Trapadoux, einen philosophisch inspirierten Lyriker und Schriftsteller aus Lyon, der als Anarchist galt und in Paris das zurückgezogene Leben eines Bohemien führte. Henry Murger hat Trapadoux in seinen „Scènes de la vie de Bohème“ 1851 verewigt und eine verschollene Zeichnung von Courbet zeigt ihn zusammen mit Trapadoux und dem Philosophen Jean Wallon in der Brasserie Andler. Courbet hat ihn 1849 zudem zweimal in seinem Atelier gemalt, wie er in die Betrachtung eines Buches mit Kupferstichen vertieft ist (Troyes, Musée d’Art moderne, und Berlin, Sammlung Scharf-Gerstenberg).
Trapadoux hatte sich selbst bei Courbet mit seiner 1844 veröffentlichten Schrift „Histoire de Saint-Jean de Dieu“ eingeführt und freundete sich mit ihm an, wie Courbet 1876 rückblickend dem Comte d’Ideville berichtete, dem ersten Besitzer einer der beiden Gemäldefassungen, der über Courbet 1878 eine frühe biografische Abhandlung vorlegen sollte. Courbet beschreibt seinen Freund Trapadoux als Original von exzentrischer Natur, der außergewöhnliche Übungen machte, weil er glaubte, damit Körper und Geist zu stärken. An anderer Stelle schrieb Courbet Champfleury, wie sie sich im Freundeskreis gegenseitig Heldentaten von erlegten Tieren erzählten, an denen sich besonders Trapadoux erfreute.
Eine gewisse Exzentrik, vor allem aber eine unbedingte physische Präsenz liegt auch unserem Bildnis zugrunde, das den Dichter im Profil mit kantigen Zügen zeigt. Nahezu auf den Kopf beschränkt und stark ausgeleuchtet, sind es die markant vortretenden Wangenknochen und die spitze Nase zusammen mit den dunklen, tiefliegenden Augen, die die Physiognomie bestimmen. Im Vergleich mit den beiden anderen Bildnissen, aber auch mit einer nahezu frontalen Bildniszeichnung in Harvard (Harvard Art Museums/Fogg Museum, Inv. Nr. 1965.248), die alle mehr die melancholische Versunkenheit des Dichters herausstellen, ist es hier seine starke Physis, die das Bild zu einer unmittelbaren, augenblicklichen Begegnung macht. Courbets ungestümer, fast schroffer Farbauftrag tut ein Übriges, um diesen Eindruck zu steigern.

Mit Expertise von Jean-Jacques Fernier (Institut Gustave Courbet), Ornans, vom 28.12.2012 (in Kopie)