Heinrich Bürkel

Bettleranfall an einer italienischen Poststation

Details

Bühler/Krückl 595.

Literatur:
Luigi von Bürkel, Heinrich Bürkel 1802–1869. Ein Malerleben der Biedermeierzeit, München 1940, Kat.-Nr. 803, mit Abb. S. 122;
Hans-Peter Bühler und Albrecht Krückl, Heinrich Bürkel mit Werkverzeichnis der Gemälde, München 1989, Kat.-Nr. 595, mit Abb. S. 296.

Provenienz:
C.J. Wawra, Wien, Auktion, 13.10.1919, Los 16;
seit Jahrzehnten in Privatbesitz, Hamburg.

Beschreibung

Insgesamt vier Mal hat Heinrich Bürkel Italien besucht (1827, 1830, 1838 und 1853), wo er sich neben dem Studium der Landschaft wie viele andere deutsche Künstler auch der Schilderung des ländlichen Lebens widmete. Das dargestellte Thema geht auf Bürkels vierten Italienaufenthalt 1853 zurück, als er neben Überfällen auf Reisekutschen (Bühler/Krückl 514-518) erstmals auch mehrere Fassungen eines Bettleranfalls an einer Poststation malte (Bühler/Krückl 591-593). 1863 beteiligte sich Bürkel auf einer Ausstellung in Dresden mit einem Gemälde, das den Titel „Poststation an den Pontinischen Sümpfen“ trug – es wurde noch aus der Ausstellung für 180 Florin an den sächsischen Politiker Friedrich Freiherr von Friesen verkauft (Bühler/Krückl 594). Im selben Jahr entstand unsere Fassung, die wohl mit demjenigen Gemälde identisch ist, das Bürkel im April 1864 für 220 rheinische Florin nach Wien verkauft hat (vgl. Bühler/Krückl, S. 335).
Es ist mehr als die lebensvolle Schilderung einer kurzen Unterbrechung einer Reise an einer Poststation, wo die Pferde von Fuhrknecht und Postillion gewechselt werden. Während die neuen Pferde angeschirrt werden, nähert sich eine Gruppe von Bettlern der Kutsche, um eine Gabe zu erbitten. Eine junge Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm erfleht mit erhobener Hand lautstark eine Spende, doch findet sie bei den Herrschaften in der Kutsche kein Gehör – die Frau schläft, und ihr Mann, im Lesen unterbrochen, schaut indigniert und ängstlich auf das, was da auf ihn zukommen mag. Weitere Kinder und ihr Mann folgen der jungen Mutter in der Hoffnung auf eine Zuwendung, doch die hinter ihr stehende Frau, wohl ihre Mutter, scheint etwas entdeckt zu haben: Mit weit aufgerissenen Augen schaut sie auf das Geschehen links daneben, wo ein Mädchen mit ausgebreiteten Armen sich zu einem auf allen Vieren vor der Kutsche knienden Junge hinabbeugt, der offenbar soeben gefundene Münzen voller Staunen betrachtet – sollten sie von dem Kutscher stammen, der in seiner Umhängetasche nach Münzen sucht? Ihr Anliegen findet allein bei ihm Gehör, während die Reisenden sie nicht einmal beachten.
Was Bürkel als Begegnung zweier verschiedener Welten, von städtischem Bürgertum und der Landbevölkerung im Modus des pittoresken, doch auch etwas distanzierten Genres vor südlicher Kulisse erzählt, gehörte zur Lebenswirklichkeit außerhalb Roms: Reisende in Kutschen wurden von Briganten überfallen, auch verschleppt, um Lösegeld zu erpressen und das nicht immer friedliche Aufeinandertreffen von armer Landbevölkerung und begütertem Bürgertum gehörte zu den alltäglichen Begebenheiten, die die sozialen Gegensätze offenlegten.
Unser Gemälde entspricht dem nach Dresden verkauften in der Schilderung der Figurengruppe bis ins Detail spiegelbildlich und unterscheidet sich nur in der Landschaftskulisse geringfügig – einmal mehr ein Beleg für Bürkels ökonomischen Umgang mit einer einmal gefundenen Bildidee. Obwohl das Gemälde Bürkels Spätwerk zuzuordnen ist, hat es allerdings nichts von der ihm eigenen malerischen Kraft und atmosphärischen Erzählung verloren. Das haben seine Sammler auch so gesehen, denn Bürkel hat das Thema danach noch mehrmals gemalt: In seinen Verkaufsaufzeichnungen der Jahre 1837 bis 1868 (Stadtarchiv Pirmasens) notierte er 1865 den Verkauf einer Poststation in den Pontinischen Sümpfen nach Freiburg, eine weitere Fassung ging 1866 nach Bremen und 1867 verkaufte er schließlich zusammen mit anderen Gemälden eine Wiederholung an den Amerikaner A.C. Downing in New York (vgl. Bühler/Krückl, S. 335-336).