Details

Das Werk ist im Cornell Estate Inventory unter der Nr. 2C-115A (2123) registriert.

Ausstellung:
Joseph Cornell, Museum of Modern Art, New York 1980/81, mit Abb.-Nr. 229.

Provenienz:
The Joseph and Robert Cornell Memorial Foundation, Charlottesville;
L&M Arts Gallery, New York, dort vom jetzigen Besitzer 2007 erworben;
Privatsammlung, München.

Beschreibung

„Collage equals life“ – „Collagen sind wie das Leben“, dieses Zitat Joseph Cornells könnte man als Leitfaden für das Schaffen des legendären New Yorker Künstlers verstehen, der mit seinen Collagen und surrealistisch-poetischen Schaukästen zeitlebens eigene, wundersame Welten schuf. Auf endlosen Streifzügen durch die Antiquariate der New Yorker Downtown fand er in Kunstbüchern und auf Stichen unterschiedlichster Epochen Material für seine eigenen Werke. Für die hier vorliegende Collage aus den frühen 1960er Jahren wählt Joseph Cornell ein ungewöhnliches Porträt des venezianischen Barockmalers Giambattista Tiepolo: das Bildnis einer jungen Dame mit Dreispitz (1755-60), das sich heute in der National Gallery in Washington befindet. Die formale Reduktion und fast renaissancehafte Strenge des Gesichtes dürften Cornells besonderes Interesse an genau diesem Bildnis geweckt haben. Er ergänzt es allerdings um einen auf den ersten Blick kaum erkennbaren, minimalen Eingriff: Auf den Fächer der karnevalesk gekleideten Dame collagiert er einen zierlichen Windhund. Dieser stammt aus einer Tafel des weltberühmten „Ursulaschreins“ von Hans Memling aus dem Jahr 1489. Die Verbindung einer koketten Dame, bei der es sich wohl um eine Kurtisane aus dem höfischen Umfeld handelt, mit einem Hund, der aus einem Bilderzyklus stammt, in dem eine christliche Heilige ihr Martyrium erleidet, dürfte Cornell dabei zusätzlich gereizt haben. Mit hintergründigem Humor vereint er über Jahrhunderte hinweg zwei Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte und schafft daraus etwas sublim Neues. Betrachtet man außerdem, dass Cornell im Rahmen, der bei ihm immer Teil des Kunstwerkes ist, rückseitig vier Seiten aus einem Nachdruck von Francis Bacons Reformschrift „De Augmentis Scientarium“ aus dem Jahr 1623 einklebt, dann ergibt sich noch eine weitere Interpretationsebene. Der englische Philosoph und Staatsmann gilt als Begründer des Empirismus, demzufolge Wissen bzw. wahre Erkenntnis zuerst oder ausschließlich auf Sinneserfahrung beruht. Das Sehen steht bei Cornell an erster Stelle.