Jacob van Ruisdael

Wasserfall in bergiger Landschaft

Details

Literatur:
Paul Eudel: L’Hôtel Drouot et le curiosité en 1883–1884, Paris 1885, S. 325;
C. Hofstede de Groot: Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten holländischen Maler des XVII. Jahrhunderts, Bd. 4, Esslingen/Paris 1911, S. 121, Nr. 409;
Jakob Rosenberg: Jacob van Ruisdael, Berlin 1928, S. 80, Nr. 134;
Seymour Slive: Jacob van Ruisdael. A complete catalogue of his paintings, drawings and etchings. New Haven/London 2001, S. 203, Nr. 209.

Provenienz:
Baron Étienne Martin de Beurnonville (1782–1876), Paris;
Drouot, Paris, Auktion (Nachlass Baron de Beurnonville) 9. Mai 1881, Los 458;
Louis Viardot, (1800–1883), Paris;
Drouot, Paris, Auktion (Nachlass L. Viardot) 30. April 1884, Los 11;
Karl von der Heydt (1858–1922), Berlin;
Galerie van Diemen & Co., Berlin, 1922;
Lempertz, Köln, Auktion 479, 11. November 1964, Los 198, Taf. 47;
Heinz Kisters (1912–1977), Kreuzlingen, Schweiz;
dort erworben und seitdem in Privatbesitz, Süddeutschland.

Beschreibung

Vorliegendes Bild ist ein charakteristisches Beispiel für die nordischen Gebirgslandschaften Ruisdaels, die er in den späten 1660er und frühen 1670er Jahren in großem Querformat schuf. Ohne dass er jemals in diesen Regionen unterwegs gewesen wäre, entstanden sie in künstlerischer Auseinandersetzung mit den skandinavischen Landschaftsbildern Allart van Everdingens (1621–1675). Dieser hatte das Thema 1646 nach einer Reise nach Norwegen und Schweden als neues Sujet in die Landschaftsmalerei eingeführt. Everdingens skandinavische Wasserfälle und felsige Gebirge, denen er schon den Charakter des Erhabenen verlieh – wohl in Kenntnis der zeitgenössischen französischen Kunsttheorie –, waren beim holländischen Publikum auf reges Interesse gestoßen. Mit dieser Spezialisierung und Gattungsdifferenzierung war eine atmosphärische Dynamisierung der Landschaft einhergegangen. Aufgewühlte Wassermassen, schäumende Gischt, das Spiel der Wolken und vom Wind zerzauste Baumwipfel werden malerisch hervorgehoben. 

Ruisdael setzt das Naturschauspiel eines tosenden Wasserfalls fast über die ganze Breite der Leinwand in Szene: Von einem etwas erhöhten Plateau im Mittelgrund aus stürzen Wassermassen aufschäumend auf die niedrigere Ebene des Flusses im Vordergrund. Sie umspülen dort mächtige Felsbrocken und strömen in hell aufblitzenden Schüben strudelnd herab. Links vorne ist eine von den Naturgewalten gefällte Tanne zu sehen, die von den Wassermassen mitgerissen wurde. Die  Szenerie wird beidseitig von Felsmassiven begrenzt: links ein steiler Fels, bekrönt von hochgewachsenen Tannen, die sich vom bewölkten Himmel abheben, rechts ein Fachwerkhaus am Fuß eines bewaldeten Hügels. Die Felsmassive verstellen den Blick in die Weite fast vollständig und geben nur einen kleinen Ausblick auf den mäandernden Fluss frei. 
 
Ruisdaels Landschaften weisen über die Wiedergabe des nur Sichtbaren hinaus. Werden und Vergehen ist der Grundtenor seiner Landschaften im „erhabenen Modus“. Häufig sind abgestorbene Bäume, am Boden liegende, halb vermoderte Stämme, Ruinen oder stürmisches Wetter markante, durch Bildtradition geläufige Ausdrucksträger des Vergänglichen. In diesem Sinne ist auch der Wasserfall hier im Bild als Symbol des verfließenden Lebens zu verstehen: Gleich dem stillen Wasser eines Flusses, das ohne Übergang plötzlich in die Tiefe abstürzt, kann auch das menschliche Leben manchmal jäh enden.