Details

Provenienz:
Ludwigsgalerie, München.

Beschreibung

Expert’s Choice

Es ist immer ein beglückender Moment, wenn sich eine Vermutung bestätigt, wenn ein Kunde mit einem Gemälde zu uns kommt, das keinem bestimmten Künstler zugewiesen ist, doch er eine Vermutung hat. Bei unserem Gemälde stand der Name Anselm Feuerbach im Raum, jener große Deutschrömer, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit seiner berühmten „Nanna“ unsere Vorstellung von der römischen Frau entscheidend geprägt hat. Dr. Jürgen Ecker, der beste Kenner Feuerbachs und Verfasser seines Werkverzeichnisses, konnte die Autorschaft Feuerbachs in seinem Gutachten nicht nur eindrucksvoll bestätigen, sondern entdeckte unter der Landschaft noch ein anderes angefangenes, dann verworfenes Gemälde, das durch Röntgenaufnahmen wieder sichtbar gemacht werden konnte. Es zeigt ein weibliches Porträt im Hochformat, der Kopf en face und mit angewinkeltem linken Unterarm mit erhobener Hand, die auf der Rechten ruht. Unterhalb der linken Hand ist eine weitere, größere Handstudie erkennbar, die Feuerbach offensichtlich zur Klärung der Raumverhältnisse anlegte. Diese Studie blieb unvollendet, Feuerbach hat sie offensichtlich nicht weiter verfolgt, doch gibt sie Aufschluss über die nähere Einordnung unserer Landschaftsstudie in das Werk des Künstlers.
Auf seinem Weg nach Rom weilte Feuerbach im Sommer 1855 im Castel Toblino im Trentino nahe Trient, wo er zahlreiche Ölstudien und –skizzen der dortigen Berge und Landschaft anfertigte. Sie zeichnen sich durch einen skizzenhaften Vortrag aus, bei dem vor Ort die Farbe spontan, alla-prima aufgetragen wird. Auch unser Gemälde zeigt diesen skizzenhaften Farbauftrag, den Feuerbach während seines vorherigen Aufenthaltes in Paris bei Thomas Couture und Gustave Courbet kennengelernt hatte, doch muss unsere effektvoll inszenierte Landschaft erst später als Übermalung der Porträtstudie im Atelier entstanden sein. Dies geschah zeitnah, wohl im Frühjahr 1856 zu Beginn seines Aufenthalts in Rom, wo die ersten 1856 von Feuerbach gemalten Gemälde „zehn kleine Ovalbilder“ waren, die „ursprünglich für den Kunsthändler Spitthöfer in Rom bestimmt“ waren. Ihr Verbleib war bisher unbekannt, doch ist mit unserem Gemälde eines dieser zehn Ovalbilder wieder aufgetaucht.
In ihrem zurückhaltenden, pastos erscheinenden Kolorit aus dem Spiel von Ocker- und Brauntönen, zu denen fein nuancierte Grün- und Blautöne treten, erscheint die Landschaft wie die Vision einer vergangenen, arkadischen Zeit, die an ähnliche, heroisch gestimmte Landschaften von Théodore Géricault erinnert. Sie steht damit farblich Feuerbachs 1855 entstandenem „Gebirgsbach (Landschaft mit kleinem Wasserfall)“ in der Stiftung Oskar Reinhart in Winterthur (Ecker 196) nahe, und reiht sich ein in das landschaftliche Frühwerk Anselm Feuerbachs (Ecker 195-220), für das unsere kleine Ölstudie eine bemerkenswerte Ergänzung bedeutet.

Mit einem Gutachten vom 23. März 2018 von Dr. Jürgen Ecker, Bexbach-Kleinottweiler.