Details

Bartsch 74; Meder 75 II b/c (von II f); Schoch/Mende/Scherbaum 71 II b/c (von II f).
Provenienz:
Schlesisches Museum der Bildenden Künste, Breslau, verso mit dem Stempel (Lugt 2371 b);
Privatsammlung, Boston (wohl seit den 1960er oder 1970er Jahren);
Paul McCarron Fine Prints, New York (dort um 1997 vom jetzigen Eigentümer erworben);
Privatsammlung, Texas.

Beschreibung

Scharfer, dunkler, gratiger und in allen Feinheiten klar zeichnender Abzug. Abdrucke mit einem derart breiten Rand wie bei vorliegendem Exemplar sind auf dem Markt von größter Seltenheit.
Die „Melencolia I“ gehört zusammen mit den beiden anderen Meisterstichen „Ritter, Tod und Teufel“ und „Hieronymus im Gehäuse“ zu den Ikonen der Kunst der frühen Neuzeit. Kein anderes druckgraphisches Werk ist so ausführlich erforscht, interpretiert und gedeutet worden wie die Melancholie: Der Bestand an Sekundärliteratur umfasst unzählige Regalmeter. Seit seinem Erscheinen im Jahr 1514 hat man nicht aufgehört, über die Bedeutung des Stichs zu spekulieren, ohne zu einem allgemein verbindlichen Ergebnis gekommen zu sein. Heute erkennt man in der „Melencolia ein geistiges Selbstporträt des Künstlers (Mende). Nach antiker Lehre zählte die Melancholie zu den vier menschlichen Temperamenten. Aristoteles ordnete sie bedeutenden Männern, v.a. Künstlern, zu. Ihr Planet ist der Saturn, dessen ursprünglich negative Eigenschaften im italienischen Neuplatonismus, vor allem durch Marsilio Ficino (1433-1499), zur Befähigung zu außerordentlichen schöpferischen Leistungen umgedeutet wurden. Die literarische Umwandlung dieser Eigenschaften ins Positive findet in Dürers Kupferstich eine adäquate bildliche Umsetzung. „Die Hauptfigur ist eine Apotheose des genialischen und denkenden Menschen. Erkenntnisgewinn bezahlt dieser mit Schwermut, dunklen Träumen und Einsamkeit. Die handlungsunfähige, flügellahme weibliche Gestalt, mit einem geschlossenen Buch im Schoß und einem in dieser Position sinnlosen Zirkel in der Rechten, verkörpert zeitlos den Intellektuellen. Ihm steht kein Gott bei.“ (Mende).
Im Passepartoutausschnitt minimal nachgedunkelt. Mit einer dunkleren Papierfaser und einem winzigen hellen Fleck in der Kugel, kleiner Braunfleck auf dem linken Oberarm der weiblichen Figur. Vereinzelt winzige Braunfleckchen im Weiß des Papierrands, ansonsten von sehr schöner Erhaltung.