Franz Anton Maulbertsch

Christus erscheint dem heiligen Thomas.

Details

Garas (1960) 172
Literatur:
„Führer durch das Niederösterreichische Landesmuseum“, hrsg. vom Amt der N.O. Landesregierung, Wien 1951, S. 22 (erstmalige Zuschreibung durch R. Feuchtmüller);
H. Riehl, „Österreichische Malerei in Hauptwerken“, Wien 1957, S. 126, mit Abb. S. 127;
Klara Garas, „Franz Anton Maulbertsch. 1724-1796“. Wien und Budapest 1960, S. 212, Nr. 172, mit Abb. 162 auf Tafel CXVI;
Klara Garas, „Franz Anton Maulbertsch. Leben und Werk“, Salzburg 1974, S. 237.
Literatur zum Altarbild:
Monika Dachs-Nickel, „Es muss nicht immer Maulbertsch sein! Die Ölskizzen und ihre Zuschreibungsproblematik“ in: Ausst.-Kat. „Franz Anton Maulbertsch. Ein Mann von Genie“, in der Reihe „Meisterwerke im Fokus“, hrsg. von Agnes Husslein-Arco und Michael Krapf, 7.10.2009-17.1. 2010, Belvedere Wien, Wien 2009, S. 100-101.
Franz Martin Haberditzel, „Franz Anton Maulbertsch. 1724-1796“, hrsg. von Gerbert Frodl und Michael Krapf, Wien 2006, S. 197-200.
Nina Fehr-Lemmens, „Die Ölskizzen und autonomen Skizzenbilder von Franz Anton Maulbertsch“, in: Ausst.-Kat. „Franz Anton Maulbertsch und der Wiener Akademiestil“, hrsg. von Eduard Hindelang, Museum Langenargen am Bodensee, Sigmaringen 1994, S. 154-156.
Ausstellung:
„Barock und Biedermeier im niederösterreichischen Donauland. Eine Ausstellung des Niederösterreichischen Landesmuseums, Wien“, konzipiert von Rupert Feuchtmüller und Peter Weninger, 22.5.-22.6.1969, Schloss Charlottenburg, Große Orangerie, Berlin 1969, Nr. 49, mit Abb. 6.
Provenienz:
Vorübergehend im Niederösterreichischen Landesmuseum, Wien;
Dorotheum, Wien (1982);
seitdem in Privatsammlung Wien, aufgebaut unter der Beratung durch Prof. Rupert Feuchtmüller.

Beschreibung

Vorliegende Ölskizze entstand als Kontraktgrundlage für den Auftrag des Hochaltargemäldes der Augustinerkirche St. Thomas in Brno/Brünn. Maulbertsch hatte den Auftrag 1764 erhalten. Die Darstellung gehört zu den dramatisch stärksten Leinwandbildern des Künstlers. Mit großer Verve und kühnem Pinselstrich folgt er einer Stelle im Johannesevangelium (20, 19-29), in der die Geschichte vom ungläubigen Thomas erzählt wird. Dort wird auch von den übrigen Jüngern berichtet, die dieser Erscheinung Christi als Augenzeugen beiwohnten. Maulbertsch verlegt die Handlung in einen dämmrigen gotischen Kirchenraum, in den Christus, die zentrale Gestalt des Bildes und sein eigenes Licht ausstrahlend, in manierierter, fast schon tänzerischer Attitude eintritt. Das besondere Augenmerk gilt dem raffinierten Kolorit dieser Figur, den auffälligen Kontrasten des Graugrüns und des Rots im Inkarnat. Links von Christus kniet der zweifelnde Thomas im Dunkeln und greift mit der Hand zur Seitenwunde. Nach der handgreiflichen Berührung darf es für die Apostel, und mit ihnen allen Gläubigen, keinen Zweifel mehr an der Auferstehung Christi von den Toten geben. Die dramatische Spannung des Bildes wird vor allem durch den zugespitzten Gegensatz zwischen Licht und Dunkel, durch die zersplitterten, stark beleuchteten und kontrastfarbigen Formen erreicht. Die expressiven Gesten der ekstatisch bewegten Figuren unterstreichen den dramatischen Gehalt der Szene noch erheblich. Die Reaktionen der Apostel reichen von gläubiger Beteuerung, über demutsvolle Verehrung und erschreckte Verwunderung bis hin zu frohlockender Freude und stiller Betrachtung – jeweils ausgedrückt im lebendigen Spiel der Hände. Durch den starken Helldunkelkontrast erhält die Szene auch jenen geheimnisvollen, mystisch-visionären Charakter, wie er der biblischen Schilderung entspricht. Dieser Eindruck wird durch den aus dem Bild blickenden Apostel Matthäus vorne rechts noch verstärkt, der als Repoussoir dient, zugleich aber auch das übersinnliche Ereignis von der Welt des Betrachters trennt. Die Figur trägt wahrscheinlich die porträthaften Züge des Auftraggebers, Matthäus Pertscher, der seit 1740 Abt des Thomasstifts in Brünn war.
Die Österreichische Galerie Belvedere besitzt eine Farbskizze (Inv. Nr. 4236), die ein früheres Entwicklungsstadium wiedergibt. Das Vorhandensein von zwei vorbereitenden Skizzen und dem ausgeführten Altarbild in Brünn ergibt die seltene Gelegenheit, die Genese des künstlerischen Schaffensprozesses zu verfolgen.
Von unserer Darstellung existiert eine Werkstattreplik mit halbrundem oberen Abschluss in der Mährischen Galerie, Brünn, die aufgrund der plakativen, weniger subtilen Ausführung inzwischen dem Maulbertsch-Schüler Joseph Winterhalder d.J. zugeschrieben wird.
Vorliegende Ölskizze wurde um 1950 in Niederösterreich wiederentdeckt und von Rupert Feuchtmüller als eigenhändige Arbeit von Franz Anton Maulbertsch identifiziert (Kopie des Schreibens mit der Bestätigung, datiert 18.1.1998, liegt vor). Sie war bis zu zur endgültigen Klärung der Eigentumsverhältnisse im Niederösterreichischen Landesmuseum ausgestellt (Inv.Nr. 1744). Klara Garas hat sie 1960 in das WVZ des Künstlers aufgenommen. Nach Ermittlung der rechtmäßigen Eigentümer wurde sie durch das Bundesdenkmalamt restituiert und im Anschluss daran 1981 beim Dorotheum eingeliefert, wo sie 1982 außerhalb einer Auktion von den jetzigen Eigentümern erworben wurde.