Die Kunst ist mir ein Mittel zu sehen

Einführungstext einer Sammlung der Kunsthändlerin Marion Gricic-Ziersch

Stets wurde Marion Grcic-Ziersch von ihrer Leidenschaft getrieben, Kunst zu vermitteln, eine Passion, welche die entscheidenden Impulse gewiss ihrem kunstsinnigen Elternhaus in Wuppertal verdankte. Ihr Vater Ferdinand Ziersch, der leider allzu früh verstarb, hatte gemeinsam mit der Mutter eine bedeutende Sammlung an Gemälden und graphischen Werken des 20.Jahrhunderts aufgebaut. In ihr dominierten an erster Stelle die Expressionisten, allen voran die Künstler des „Blauen Reiter“ und der „Brücke“, unter denen sich neben vielen anderen bedeutende Werke von Ernst Ludwig Kirchner befanden, die später stolzer Besitz einiger wichtiger europäischer Museen geworden sind.

Seit Marion Grcic-Ziersch 1988 ihren Wohnsitz in München hatte, wurde sie hier als Kunsthändlerin zu einer regelrechten Institution. Zuvor beinahe dreißig Jahre als Galeristin tätig – zunächst bei Otto van de Loo und in der Galleria del Levante, später in ihren eigenen Galerien in Wuppertal und Regensburg – verlagerte sie damals alle Aktivitäten ganz in ihren privaten Bereich.

Wie sie später dankbar bekannte, waren es vor allem die Gespräche mit ihrem Vater, welche zu Hause das intensive Erleben und die Auseinandersetzung in der permanenten Gegenwart großer Kunst ermöglichten. Vielleicht spielte diese Erfahrung privater und gerade nicht öffentlicher Begegnung mit Kunst letztlich auch eine Rolle bei der späteren Entscheidung, die intime Sphäre ihrer Wohnung zur Begegnungsstätte zu machen. An deren Wänden präsentierte sie die Werke der jeweils wechselnden Ausstellungen und breitete in Petersburger Hängung einen Teil ihrer privaten Schätze aus – überwiegend kleinformatige Arbeiten auf Papier, seien es Zeichnungen oder druckgraphische Blätter. Betrat man diese Wohnung, so befand man sich unverzüglich an einem Ort, welcher das intensive Betrachten von Kunst und das vertiefende Gespräch regelrecht beflügelte.

Marion Grcic-Ziersch vermochte es, in nur wenigen Jahren die Perfallstraße zu einer exklusiven Adresse zu machen, der man in früheren Zeiten vielleicht den Namen „Salon“ verliehen hätte. Ihre legendären Vernissagen, zu der sich Münchens Kunstwelt in Scharen einfand, sowie ihre regelmäßig stattfindenden Abende mit Vorträgen namhafter Persönlichkeiten zu Themen aus Kunst und Kultur haben eine spezifische Atmosphäre geprägt, die nicht zuletzt durch ihre starke Persönlichkeit bestimmt wurde. Das unbedingte Credo der bildenden Kunst gegenüber verband sich kongenial mit einer geistigen Offenheit, die auch andere Künste wie Literatur, Film, Musik, Architektur und Design umfasste.

Das Publikum von Marion Grcic-Ziersch war nie ein „Laufpublikum“ im herkömmlichen Sinn, sondern in der Regel besuchten sie Sammler und Kunstfreunde nach vorheriger Vereinbarung. Nur dadurch entstand jener persönliche Kontakt, den sie für ihr ganzes Wirken als so wichtig erachtete. Man freute sich auf jede ihrer Ausstellungen und auch darauf, regelmäßig ihre Kataloge mit neuen Angeboten aus ihrem reichen Fundus zu erhalten. Neben längst durchgesetzten Künstlern, so etwa Klassikern wie Willi Baumeister, Max Beckmann, Lovis Corinth, Asger Jorn, Ludwig Meidner oder Ernst Wilhelm Nay widmete sie sich mit einer gewissen Vorliebe den weniger bekannten Außenseitern, zum Teil auch jüngeren, die sie jenseits des Mainstreams unterstützen wollte, wenn sie von deren Arbeit überzeugt war. Auch wenn rasche finanzielle Erfolge nicht zu erwarten waren, hielt sie unbeirrt ihren Künstlern die Treue und versuchte, ihrem Publikum deren Rang zu offenbaren. Nur wenige Namen, die immer wieder in ihrem Programm erschienen, seien erwähnt, so etwa Kurt Benning, Heiko Herrmann, Alexander Johannes Kraut, German Stegmaier, Wolfgang Schmitz, Sarah Schumann oder Richard Vogl. Eine besondere Affinität fühlte sie auch zu Zeichnern der östlichen Teile Deutschlands, so etwa zu Dieter Goltzsche, Hans Theo Richter, Claus Weidensdorfer oder Gerhard Wienckowski. Seit 1983 betreute sie den Nachlass von Franz Roh, mit dessen meist enigmatischen Collagen sie eine Reihe von Einzelausstellungen zeigte, und immer wieder setzte sie sich für Künstler wie Rudolf Schoofs oder etwa Woty Werner ein, für die magischen Tuschezeichnungen eines Alfred Kremer oder die surreal-verrätselten Blätter des Schweizers André Thomkins. Daneben war es auch eine Reihe von Bildhauern wie etwa Michael Croissant, Lothar Fischer, Herbert Peters, Christa von Schnitzler oder Willi Weiner, deren Skulpturen und Zeichnungen sie wiederholt ausstellte. Nicht zuletzt hatte die Fotografie ihren Platz in diesem so überaus individuellen und persönlichen Panorama der Künste.

Marion Grcic-Ziersch besitzt bis zum heutigen Tag ein unbestechliches Auge, ein eminentes Gefühl für künstlerische Qualität und ein besonderes Talent, Verbindungen zu schaffen und zu halten, niemals jedoch im nur gesellschaftlichen Sinn, sondern mit Nachdruck da, wo sie eine künstlerische oder geistige Nähe spürt. Nun befand sie, dass es Zeit sei, sich von wesentlichen Beständen aus ihrem Besitz zu trennen. Dies bedeutete für sie eine große emotionale Entscheidung, bestärkte aber die Hoffnung, ihre geliebten Dinge mögen in neue Sammlerhände gelangen und an anderen Orten weiterwirken. Alles hat seine Zeit.

 

Michael Semff