29. Oktober 2018

Expressiver Realismus – eine Privatsammlung aus Bayern

 

Die bayerische Privatsammlung, aus der 52 Lose unserer Auktion am 5. Dezember stammen werden, hat sich ganz bewusst dem Expressiven Realismus verschrieben, einem bis heute nur wenigen Kunstkennern bekannten Zweig der deutschen Moderne. Sie zeigt einen Querschnitt von 22 Künstlern und umfasst Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen ebenso wie Druckgraphik. Werke von Felixmüller, Dix, Böckstiegel und Wollheim repräsentieren die Ursprungszeit der 1920er und frühen 1930er Jahre, die unmittelbare Nachkriegszeit ist vertreten mit Arbeiten von Pankok, Frank, Querner, Hassebrauk und Kunitzer. Abgerundet wird die Sammlung mit Werken der späten Zeit bis in die 1980er Jahre von Lacher, Wais und Müller-Linow.

Ernst Hassebrauk, Panorama Dresden, Aquarell, Deckweiß, Farbkreide und Bleistift auf chamoisfarbenem Velin, Anfang 1960er Jahre, ca. 73,5 x 100 cm, signiert unten rechts, verso mit Widmung. Schätzpreis: € 4.000

 

Der Begriff „Expressiver Realismus“ hat sich für eine Generation von Künstlern etabliert, die um 1900 geboren wurden und zumeist in den 1920er Jahre ihre künstlerische Ausbildung abschlossen. Geprägt von den schockierenden Erlebnissen des Ersten Weltkrieges, den viele von ihnen als Soldaten an vorderster Front erlebten und aus dem sie verletzt oder traumatisiert zurückkehrten, wenden sie sich einem formal und koloristisch vom Expressionismus beeinflussten Realismus zu. Doch statt der charakteristischen Formzerlegung und den reinbunten Farben ist die Farbe nicht mehr nur reiner Ausdrucksträger, sondern wird als raum- und formschaffendes Medium zum wichtigsten Gestaltungsmittel. Vorbilder sind ihnen Cézanne und van Gogh, aber auch Corinth, Beckmann und Kokoschka. Die große Anzahl an Künstlern und ihre durchaus sehr heterogenen Stile lassen keine einheitliche und exakte Definition des Expressiven Realismus zu, doch überwiegt die motivische Hinwendung zu der die Künstler umgebenden Lebenswelt und der Schilderung persönlicher Erlebnisse.

Otto Pankok, Wolken über der Eifel, Kohle auf chamoisfarbenem Velin, ca. 1942/43, 96,5 x 128,5 cm, monogrammiert unten rechts. Schätzpreis: € 10.000/12.000

 

Die klassischen Bildkategorien von Landschaft, Stillleben und Porträt leben wieder neu auf, stilistisch lässt sich der Expressive Realismus in der Mitte zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit ansiedeln. Anfang der 1930er Jahre beendet jedoch die nationalsozialistische Kunstpolitik die künstlerische Diversität der Zwischenkriegszeit rigoros. Zwar arrangieren sich einige Künstler mit der Diktatur und treten der NSDAP bei, ob aus Überzeugung oder zum eigenen Schutz sei dahingestellt, doch viele andere werden als „entartet“ verfemt, verfolgt und ermordet, erhalten Mal- und Ausstellungsverbot, verlieren ihre Professorenstellen und Lehrämter oder ziehen sich aufgrund der politischen Lage weitgehend in die innere Emigration zurück.

Nach 1945 liegt der Schwerpunkt dann einerseits zunächst auf der Wiederentdeckung des Expressionismus von Brücke und Blauem Reiter, andererseits wird sowohl in der BRD als auch in der DDR die Kunstpolitik von den Amerikanern bzw. der Sowjetunion maßgeblich beeinflusst und in Richtung Abstraktion bzw. Sozialistischer Realismus gedrängt.

Franz Frank, Die Familie des Malers, Öl auf Leinwand, randdoubliert, 1938, ca. 124,5 x 155 cm, monogrammiert und datiert unten links. Schätzpreis: € 10.000 / 12.000

 

Erst die 1980 erschienene wegweisende Publikation „Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925-1975“ von Rainer Zimmermann rückt dieses Kapitel der Kunst wieder verstärkt ins Bewusstsein und verschafft zahlreichen Künstlern neue Beachtung. Seitdem ist die von Zimmermann geprägte Bezeichnung des Expressiven Realismus allgemein in der Kunstgeschichte eingeführt. Im Jahr 2000 ergänzt der umfangreiche Katalog „Malerinnen im 20. Jahrhundert. Bildkunst der verschollenen Generation“ von Ingrid von der Dollen maßgeblich die Aufarbeitung um die oftmals ‚doppelt verschollenen’ Künstlerinnen dieser Zeit. Rainer Zimmermann und der Münchner Sammler Joseph Hierling gründen den „Förderkreis Expressiver Realismus“ und zeigen im gleichnamigen Museum in Kißlegg im Allgäu von 1993 bis 2005 insgesamt 23 Sonderausstellungen. Seit 2009 ist in der Kunsthalle Schweinfurt ein Teil der „Sammlung Joseph Hierling Expressiver Realismus“ zu sehen. Somit ist der Expressive Realismus letztendlich sowohl als privates als auch als museales Sammelgebiet fest etabliert.

Curt Querner, Selbstbildnis, Öl auf Leinwand, 1952, ca. 50 x 46 cm, verso auf der Leinwand unleserlich bezeichnet. Schätzpreis: € 7.000/9.000

 

Die aktuell im November 2018 erscheinende Publikation „Deutsche Kunst des Expressiven Realismus“ von Christian Hornig widmet sich ausführlich dieser Privatsammlung und führt alle hier angebotenen Arbeiten mit Farbabbildungen auf.