22. Mai 2017

Der Zufall als Konzept: GERHARD RICHTERs „Fuji“

 

Die Grundstruktur dieser Komposition sind drei waagrechte Streifen in Rot, Gelb und Grün. Als Bildträger dient der Farbe ein Verbundstoff aus Aluminium und Kunststoff. Diese Platte ermöglicht eine gezielte Verteilung der Farbe und verhindert durch ihre sehr glatte Oberfläche das Einsickern der Farbe, sie bleibt auf der Oberfläche stehen.

„Fuji“ ist in einer Serie von 110 Exemplaren entstanden und dennoch ist jedes ein Unikat. Im seriellen Prozess der Gestaltung überlässt Gerhard Richter das Ergebnis dem Zufall. Anhand einer mit weißer Ölfarbe versehenen Rakel zieht der Maler ein erstes Mal über die beiden unteren horizontal gelagerten Farbstreifen, anschließend setzt er nochmals am oberen Rand an und rakelt über alle drei Streifen. Diese Verfahren wiederholt er bei allen 110 Varianten, in ihren vielfältigen Ergebnissen bleibt am Ende bei allen der Entstehungsprozess erkennbar.

Gerhard Richter, Fuji, 1996.
Öl auf Alucobond-Platte, ca. 29 x 37 cm.
© Gerhard Richter 2017
Los 830

Bei dem vorliegenden Exemplar entstand eine außerordentlich harmonische Komposition. Die verschiedenen Farbschichten verschmelzen zu einer fein changierenden Oberfläche. In der Mitte dominiert der warme Rotton, er durchzieht als kräftiges horizontales Farbband das Bild. Perfekt ergänzt wird dieses zentrale Rot durch das starke Grün der oberen und unteren Bildhälfte. Schließlich verwebt das darübergelegte Weiß die beiden Komplementärfarben subtil zu einem pastosen Farbspiel.

Ich habe eben nicht ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, sondern möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Also, diese Arbeitsmethode mit Willkür, Zufall, Einfall und Zerstörung lässt zwar einen bestimmten Bildtypus entstehen, aber nie ein vorbestimmtes Bild.

Gerhard Richter im Interview mit Sabine Schütz, 1990. Gerhard Richter, Texte 1961–2007. Schriften, Interviews und Briefe. Hrsg. Dietmar Elger, Hans Ulrich Obrist, Köln 2008, S.262.

Gerhard Richters Gemälde-Editionen – zu denen „Fuji“ zählt – sind das Resultat einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Paradigma abstrakter Malerei. Am Anfang der gestischen Abstraktion steht bei Malern wie Jackson Pollock oder Willem de Kooning die Suche nach einer angemessenen Ausdrucksform dessen, was unreflektiert im Unterbewusstsein schlummert. Zu diesem Zweck gaben sie die Kontrolle über den Gestaltungsprozess aus der Hand. Auch Gerhard Richter tut dies im Zuge seines analytischen Experiments zur Abstraktion.

Die wunderbar sinnlichen Kompositionen sich überlagernder und verschmelzender Farben wurzeln tief in der Geschichte der Malerei. Im Titel trägt die Serie den Namen von Japans höchstem Berg. Ein Motiv, mit dem sich der wohl bekannteste Maler Japans, Hokusai, in seinem berühmten Holzschnittzyklus der „36 Ansichten des Berges Fuji“ umfassend auseinandersetzte. Der rote Fuji (“Aka Fuji“) scheint Gerhard Richter als Vorlage für seine experimentelle Serie zu dienen. Sowohl der horizontale Aufbau als auch die Farbwerte des Rot-, Grün- und Gelbtons werden aufgegriffen. Auch die weißen sich verdichtenden Wolkenfelder haben bei Richter im Einsatz der Rakel und dem damit eingesetzten Weiß ihre Entsprechung. Gerhard Richter produzierte diese Ölgemälde-Edition zur Unterstützung des Ankaufs seines „Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen“ durch die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München.

Katsushika Hokusai, „Fuji, Mountains In Clear Weather (Red Fuji)“, 1831.
Aus der Serie: 36 Ansichten des Berges Fuji.

Experte für dieses Los:


Dr. Julia Macke
Leiterin Zeitgenössische Kunst
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